Japanisches Raumgefühl

Bild der 35. Woche - 31. August bis 6. September 2009

Franz Hohenberger (1867-1941) Die verhängnisvollen Tos (Buchillustration zu Adolf Fischers „Bilder aus Japan“), 1896 Tusche auf Papier, 20,9 x 36 cm Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. Ad 75

Das Jahr 2009 stellt für das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln ein besonderes Datum dar: 100 Jahre ist es her, seitdem das Ehepaar Adolf und Frieda Fischer als Frucht langer Jahre des Reisens und Zusammentragens der Stadt ihre Sammlung übergaben und damit das erste eigenständige Museum für ostasiatische Kunst in Deutschland gründeten. Von seinem zweijährigen Japanaufenthalt (1895-96) berichtete Adolf Fischer folgende Episode (Auszug aus: Adolf Fischer: „Bilder aus Japan“, Berlin 1897, S. 55 ff.): So etwas kann einem nur in Japan passieren! Mit diesen verwünschten Tos (verschiebbaren dünnen Holzwände, die in Japan die Stelle der Zimmermauern einnehmen) nimmt es kein gutes Ende, das sagte ich schon lange. Man ist ja immer wie auf der Straße, jedermann kann ins Zimmer kommen, und gegen unliebsamen Besuch bleibt man schlechterdings ohne Schutz, da der Raum, in dem man sich befindet, von keiner Seite abzuschließen ist. Was habe ich in japanischen Hotels schon für ungebetene Besuche bekommen! Auf einmal interessierte sich ein Zimmernachbar für mich: da schob er ruhig seine To weg; seinem Beispiel folgte ein anderer Nachbar von einer anderen Seite, und im Handumdrehen sah ich auf den Matten des Bodens eine ganze Gesellschaft herumkriechen, die ich noch obendrein mit Thee bewirten mußte, denn so will es der Brauch. Es ist aber nicht meine Absicht von solchen zuweilen unfreiwillig komischen Theegesellschaften zu erzählen, sondern zu sagen, was mir die Tos sonst für „Pech“ brachten. … Einige Tage darauf saß ich in dem alten Fürstensitze Ragoya in meinem gemütlichen Hotel und verzehre, nichts Böses denkend, ein bescheidenes Mittagsmahl. Auf einmal fallen drei Tos mit Holtergepolter auf meinen Tisch, mich unter sich förmlich begrabend. Da diese Tos sehr dünn und leicht sind, so war die Katastrophe von keinen üblen Folgen begleitet, aber nach dem ersten Schrecken interessierte es mich lebhaft, wie denn eigentlich die ganze Breitseite des Nebenzimmer plötzlich in so intime Berührung mit mir hatte kommen können. Im ersten Augenblicke dachte ich an ein Erdbeben, an diese fürchterliche Naturerscheinung, die hier häufiger als in irgend einem Lande der Welt auftritt. Aber der Grund war viel harmloser: nur Gott Amor hatte sich einen Scherz erlaubt. Auf dem Boden lag nämlich neben seinem umgeworfenen Stuhl ein Soldat, der krampfhaft eine Nesan umschlungen hielt, die ihn im anstoßenden Gemache bedient hatte. Die Schöne hatte sich jedenfalls gegen die Liebkosungen des zärtlichen Kriegers gesträubt; er verlor dabei das Gleichgewicht und flog gegen die Tos, die mein Gemach von dem seinen trennten. Aber auch dieses Ereignis ist nur ein Kinderspiel gegen das, was mir in Kyoto begegnete, abermals dank dem trefflichen Tos. Auch an diesem verhängnisvollen Tage rief ich meinem „Bon san“ zu, ob mein Bad bereit sei. „Bon san“ werden hier die Kellner gerufen; wörtlich übersetzt heißt dies „Herr Junge“, aber selbst einem Großpapa bleibt die jugendliche Bezeichnung. Mein „Bon san“ bejahte die Frage und führte mich durch mehrere Gänge zu einer Badekabine, an die eine zweite stieß, beide natürlich ohne verschließbare Thüren. Schon im Begriffe mich auszukleiden, trieb mich ein namenloses Sehnen nach einer Cigarette in mein Zimmer zurück. Gemütlich die Rauchwolken vor mich hinblasend gelangte ich nach einigen Minuten wieder zur Kabine, wo die Tür vorgeschoben war; eine Vorsichtsmaßregel, die ich meinem „Bon san“ zuschrieb. Mit einem leichten Ruck schob ich die Wand beiseite und trat ein. Was fand ich da in meiner Badewanne? Nicht das Eichkätzchen, das einst in einem Bungalow Indiens von einem Baume durch das offen stehende Fenster gerade in die Wanne gesprungen war, sondern „kirei na americano onadess“ , wie sie allgemein in Kyoto von den Japanern genannt wurde, die „schöne Amerikanerin“! Ich wünschte durch eine Versenkung einige Kilometer tief zu verschwinden. Blitzschnell sprang ich von der Wanne durch die Toöffnung hinaus, denn wie gern ich der Dame auf der Stelle den „mistake“ aufgeklärt hätte, so erlaubte es doch die Situation schlechterdings nicht. Ich war noch keine drei Schritte von der Badekabine entfernt, da kam mir, um die Ecke biegend, der Verlobte der Dame entgegen, jedenfalls in der Absicht auch ein Bad zu nehmen. Jetzt kann´s nett werden, dachte ich mir: wenn der erfährt, daß ich soeben seiner Angebeten eine Besuch gemacht habe, dann gibt´s die schönste Forderung. Mit Marc Anton ausrufend: „Unheil, du bist im Zuge, nimm welchen Lauf du willst“ schlenderte ich meinem Zimmer zu, der Dinge wartend, die da kommen würden. Es kam aber nichts, gar nichts. Die amerikanische Wasserlilie scheint so vernünftig gewesen zu sein, die Tugend der Schweigsamkeit zu üben. Begierig bin ich nun auf das nächste Überraschungsspiel der verwünschten Tos!

Museum für Ostasiatische Kunst