Taucherinnen von Sugashima

Bild der 49. Woche - 7. bis 13. Dezember 2009

Utamaro Kitagawa II (gest. 1831) Abalonetaucherinnen vor Enoshima, um 1790 Farbholzschnitt, Triptychon, 35,6 x 76 cm Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 10,27

Das Jahr 2009 stellt für das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln ein besonderes Datum dar: 100 Jahre ist es her, seitdem das Ehepaar Adolf und Frieda Fischer als Frucht langer Jahre des Reisens und Zusammentragens der Stadt ihre Sammlung übergaben und damit das erste eigenständige Museum für ostasiatische Kunst in Deutschland gründeten. Von seinem zweijährigen Japanaufenthalt (1895-96) berichtete Adolf Fischer folgende Episode (Auszug aus: Adolf Fischer: "Bilder aus Japan", Berlin 1897, S. 149 f.): „Sugashima interessierte mich wegen seiner Bevölkerung, der weiblichen zumal, die pfeilschnell auf den Meeresgrund taucht und nach Muscheln und Seetang fischt. Um diese Weiber in Ausübung ihres Berufes zu sehen, fuhr ich nach der urwüchsigen, von etwa 500 Menschen bewohnten Insel, auf der es drei kleine Fischerdörfchen giebt. Die Herren der Schöpfung faulenzen im Kahn und entschlagen sich überhaupt jeder härteren Arbeit. Grausam brannte die Sonne, die senkrecht über uns stand, auf mein Boot. Der Mittag war vorbei, als ich in einer schützenden Bucht am steil ansteigenden sandigen Ufer, wo Barken und große Fischkörbe herumlagen, landete. Zwei vorspringende Felsenkaps mit weit hinausragenden Föhren bildeten gleichsam Schutztürme gegen die seitwärts anstürmenden Fluten. Um offene Feuer saßen die Weiber und kochten Gerste und Seetang; ihre bis zu den Hüften entblößten abgebrannten Körper waren braunroth, wie die Haut eines Indianers, aber sie schienen noch ein knusprigeres Aussehen gewinnen zu wollen, so dicht rückten sie trotz der versengenden Sonnenhitze ans Feuer. Das Dörfchen selbst zeugte von größter Armut. Die Hütten, die unregelmäßig nebeneinander standen, waren meist aus alten Schiffswracken erbaut und sahen erbärmlich aus; bitterstes Elend lugte aus allen Fugen. Manche Weiber stampften in ausgehöhlten Baumstämmen Getreide, geradeso wie ihre Schwestern in Kaschmir, oder sie traten auf einen schweren Hebel, den sie dann in den rohen Holzmörser fallen ließen. Andere flickten an riesigen Fischbehältern aus Bambusgeflecht, die etwa 3 m im Durchmesser bei 2 m Tiefe maßen und die Form von Signalballons hatten. Diese Körbe schwimmen zu fünf oder sechs zwischen zwei Balken in der Bucht und werden, wenn sie mit Fischen gefüllt sind, nach der nächsten Hafenstadt zu Markte gebracht. Aber merkwürdig, mitten in solcher Wildnis eine Dorfschule; lesen kann jeder Insasse dieses weltentlegenen einsamen Eilandes. Zwei Weiber fuhren in einer Barke neben der meinigen in die Bucht hinaus, um zu tauchen; doch die Vorbereitungen, die der Einschiffung vorausgingen, verblüfften mich einigermaßen. Obgleich die Sonne ihre ganze Macht entfaltete, machten meine zwei Meerweiber ein mächtiges Feuer an, rückten mit ihren Körpern den Flammen möglichst nah und blieben in dieser Stellung, so lange sie es nur aushalten konnten. Haben denn diese Weiber den Teufel im Leibe? fragte ich mich. Der Bootsmann sagte mir, daß der mir unfaßbare Vorgang einen sehr natürlichen Grund habe, da die Taucherinnen, je mehr sie ihr Blut erhitzen, desto länger ohne zu frieren unter dem Wasser bleiben könnten. Als sie sich sattsam gebraten hatten, warfen sie schnell einen Kimono um, und wir fuhren einige Minuten hinaus in die See, bis wir an einer Stelle hielten, die guten Grund versprach. Dort entledigten sich die Taucherinnen der Mäntel, hingen an ihren Leibgurt ein Netz, verstopften die Ohren mit Watte, klopften mit einem Brecheisen, das zum Losbrechen der Muscheln diente, an die Schiffswand, um die bösen Geister zu verjagen, während sie in die Sonne blickend mit gespitztem Munde schmatzten, womit sie den Schutz der Lichtgeister erflehten. Eine halbe Stunde schaute ich dem Tauchen zu. Es war unheimlich zu sehen, wie diese nackten Gestalten mit hervorquellenden Augen aus der Tiefe schossen, in der Hand oft ein mächtiges Stück Seetang, das sie, an der Schiffswand sich empor ziehend, in das Boot warfen, um wieder in der Tiefe zu verschwinden.“ Der hier gezeigte Farbholzschnitt vom Ende des 18. Jahrhunderts (der Autor, Utamaro Kitagawa II, starb 1831) zeigt Abalonetaucherinnen. Von einem Ausflugsboot aus, das von einer jungen Frau gerudert wird, beobachten drei aufwendig gekleidete Damen die Taucherinnen bei ihrer Arbeit. Eine vierte Dame sitzt am linken Bildrand auf einem Felsen und schaut mit vorgebeugtem Oberkörper und interessiertem Blick nach einer der Taucherinnen. Hinter ihr, sich an die Mutter lehnend, ihr Sohn, der seinen Kopf auch neugierig zur Taucherin hinwendet, die gerade mit einem Werkzeug eine Abalonemuschel von einem Stein zu entfernen sucht. Die Oberkörper der Taucherinnen sind unbekleidet. Um ihre Hüften tragen sie knielange rote Röcke. Das gelöste Haar hängt in langen Strähnen über dem Rücken. Am Horizont, verschwindend klein, erscheinen mehrere weiße Segel vor der Küste der Insel Enoshima. Die Größe der Figurenkomposition im Vordergrund scheint den Rahmen des Bildes zu sprengen. Das Interesse des Künstlers konzentriert sich auf die detaillierte Darstellung der Frauen, nicht ihrer Umgebung. Es treffen hier zwei gegensätzliche Frauentypen aufeinander. Einerseits die städtische Kurtisane in prunkvoll aufwendiger Aufmachung, andererseits die Taucherin, als ein ungezügeltes, der Natur verhaftetes Wesen. Es ist bis heute eine Besonderheit Japans, dass die anstrengende Arbeit des Tauchens nach Perlen, Austern und Abaloneschnecken von Frauen geleistet wird (Abalone, auch Seeohr oder Haliotis genannt, ist zoologisch gesehen eine Seeschnecke. Sie gilt auch heute noch in Japan als Delikatesse).

Museum für Ostasiatische Kunst