Ein Glücksfall für Köln

Bild der 3. Woche - 18. bis 24. Januar 2010

Jean-Baptiste Lepère: Edfu, Fassade des Horus-Tempels, Feder in schwarz über Bleistift, aquarelliert in hellgrün und ocker, laviert in grau-braun, 33,7 x 53,3 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. Äg. L.P. 101
Detail aus Abb. 1, Licht und Schatten auf dem Architrav des Portals
Bühnenhaus der Oper der Stadt Köln, nach einem Entwurf von Wilhelm Riphahn, aus den Jahren 1952-57, Ansicht der Gebäuderückseite von Westen, (Photo: Th. Klinke 2010)

Zwei Pylontürme von babylonischer Anmutung flankieren das Portal des Horus-Tempels von Edfu in Oberägypten. In diesem schlichten Programm steckt die enorme Strahlkraft eines Bauwerks, das bis heute als eine der besterhaltenen Ruinen der antiken Welt gilt. Es ist über den Zeitraum von nicht weniger als 180 Jahren errichtet und 57 v. Chr. fertig gestellt worden. Der Architekt Jean-Baptiste Lepère (Paris 1761 – 1844 Paris) hat um 1800 unter anderem diese Tempelanlage in mehreren Schnittansichten sowie im Grundriss in atemberaubend feiner Manier gezeichnet. Als künstlerisches Mitglied der Commission des Sciences et des Arts begleitete er den Feldzug Napoleons in Ägypten von 1798 bis 1801. Lepère wirkte währenddessen an der monumentalen dokumentarischen Konservierung ägyptischer Altertümer mit. In dem berühmten Buchprojekt Description de l’Egypte, für die Lepère allein 50 zeichnerische Vorlagen schuf, fand diese ihren Höhepunkt. In seiner Zeichnung der Pronaos-Fassade des Tempels (von Süden her gesehen) schematisiert Lepère den Baukörper durch den Verzicht auf die Wiedergabe des Reliefprogramms der Wandflächen deutlich. Einzig die geflügelte Sonnenscheibe über dem Portal ist für ihn bei dieser Ansicht von ornamentalem Belang (s. Abb. rechts). Aber besonders hier zeigt sich die ganze künstlerische Klasse des Zeichners. Er gibt das Bauwerk im Licht der Sonne von südwestlichem Stand wieder. Die Hohlkehle des Architravs, in der sich das Sonnenrelief befindet, wirft einen Schatten von exakter Genauigkeit: Ein Schatten von in schwarzer Aquarellfarbe stufenlos verlaufender Dunkelheit innerhalb von Konturen, die er mit sehr dünnen Bleistiftstrichen vorgegeben hat. Aber auch auf großer Fläche gelingt es Lepère, die wässrige, schwer zu handhabende Farbe in stufenloser Schattierung und perfekter Homogenität aufzubringen. Mit Hilfe dieses Stilmittels verleiht Lepère vielen seiner Zeichnungen (darunter vereinzelt sogar Grundrissen) Plastizität, ja fast dreidimensionale Wirkung. Mal ist es die Reduktion auf das Wesentliche einer Bauform, mal die enorme Feinteiligkeit und Treue zum Detail an einem Tempelbauwerk, seinem ornamentalen Programm oder einer Säulenformation. Lepères Zeichnungen sind ein Multifokus und Ergebnisse seines messerscharfen Blicks auf die antike Architektur Ägyptens. - Diese dürfte im Übrigen auch den Kölner Baumeister und Stadtplaner Wilhelm Riphahn (Köln 1889 – 1963 Köln) beeinflusst haben, der rund zweitausend Jahre nach Errichtung des Tempels von Edfu, den Entwurf für das 1957 eröffnete Kölner Opernhaus lieferte (s. zweite Abb. rechts). Man muss nicht die Description de l’Egypte besitzen oder nach Paris reisen, um die zeichnerische Qualität der Werke Jean-Baptiste Lepères bestaunen zu können. Die Familiengeschichte Lepères führte seinen Nachlass glücklicherweise in die Graphische Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corboud. In der - aktuell bis zum 31. Januar 2010 verlängerten - Ausstellung „Mit Napoleon in Ägypten – Die Zeichnungen des Jean-Baptiste Lepère“ im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud werden derzeit Blicke aus unterschiedlichen Richtungen auf die Werke der Ägypten-„Expedition“ geworfen. Neben der Architekturgeschichte des Altertums und der politischen Geschichte Frankreichs sowie Europas zur damaligen Zeit, werden auch rein technologische Aspekte der graphischen Künste Lepères berührt. Angefangen von der Situation des Zeichners im Wüstensand vor Ort bis hin zur präzisen Umsetzung der Entwürfe Lepères als Druckgraphik nach seiner Rückkehr. Ein weiteres, auch im Katalog der Ausstellung nachzulesendes Thema, betrifft die Frage der konservatorischen Betreuung der Blätter. Um diese kostbaren, insgesamt rund fünfhundert Werke von der Hand Lepères zu erhalten und Teile daraus zu präsentieren, bedurfte es umfänglicher konservatorischer Aufwendungen. Während der Auslagerung im Zweiten Weltkrieg hatten sie durch Feuchtigkeit teilweise schweren Schaden gekommen. Lassen Sie sich einladen, die technische Brillianz und künstlerische Meisterschaft Jean-Baptiste Lepères in der Ausstellung zu studieren.

Th. Klinke