Carnevale und Amore

Bild der 7. Woche - 15. bis 21. Februar 2010

Totenschild der Maria Ursula Columba zum Pütz, Holz, farbig gefaßt; die beiden zugehörigen Eisenleuchter fehlen; H: 147,5 cm, Kölnisches Stadtmuseum - HM 1906/171

Im Jahr 1760 – also vor 250 Jahren – hatte sich Giacomo Casanova (1725–1792) zur Karnevalssaison in Köln eingefunden, wo er die schöne Geliebte des Grafen Kettlers, des österreichischen Vertreters bei der in Köln einquartierten französischen Armee, kennenlernte. Diese Bekanntschaft und die folgende kurze Affäre hielten ihn für mehrere Monate in Köln fest. In seinen Memoiren erwähnt der venezianische Lebemann eine Kölner Bürgermeisterin X. Dabei kann es sich nur um Maria Ursula zum Pütz (1734–1768) handeln, die anderen infrage kommenden Damen wären wohl zu alt gewesen. Casanova beschreibt sie als aparte, muntere, geistreiche und sehr selbstständige Person, die ein herzliches Verhältnis zu ihrem ungemein höflichen Ehemann, dem Kölner Bürgermeister Franz Jacob de Groote (1721–1792) gehabt habe. Dessen Eheschließung mit der noch nicht einmal fünfzehn Jahre alten Maria Ursula zum Pütz, dem einzigen Kind des Ratsherrn Johann Kaspar zum Pütz aus dessen Ehe mit Maria Antonia Theresia von Daemen, war 1749 im reichsstädtischen Köln ein Skandal gewesen. Der Liebesheirat entsprossen sechs Kinder. Casanovas Schilderungen seiner Bürgermeisterin, wie sie glücklich im Kreise ihrer Kinder und sonstigen Verwandten lebte, erinnern an die Goethes von Werthers Lotte. Daneben verrät Casanova auch intime Details aus dem Eheleben seiner Madame X, die jeden Tag von ihrem Gatten beglückt worden sein soll. Nur an gewissen Tagen habe sie sich aus dem ehelichen Schlafzimmer in ein eigenes kleines Kämmerchen im Haus an der Glockengasse, welches ihr Ehemann 1752 errichten ließ, zurückgezogen, weil sie ihren Ehemann nicht „inkommodieren“ wollte. Casanova ermöglichte diese Prüderie eine Liebesaffäre mit der Angebeteten. Um in ihr Kämmerchen zu gelangen, hatte er sich zuvor stundenlang in der Privatkapelle des Hauses verstecken müssen. Schenkt man Casanovas detaillierten Schilderungen Glauben, dann nahm man es im katholischen Köln zur Zeit des Rokokos mit der ehelichen Treue nicht allzu genau. Auch seine Geliebte war in dieser Hinsicht erfahren, wie ihre umsichtige Routine bei den Stelldicheins nahelegt oder um es in Casanovas eigenen Worten auszudrücken „Hatte ich so was in Köln erwarten können?“ Im Bestand des Kölnischen Stadtmuseums hat sich der hier vorgestellte Totenschild erhalten. Der weinende Putto, das Stundenglas und die zerbrochene Kerze symbolisieren den Tod, der Ziehbrunnen, in Köln nach dem lateinischen Wort für Brunnen „puteus“ Pütz genannt, weist auf den Familiennamen der Verstorbenen hin. Erinnert wird mit diesem Totenschild an die Kölnerin Maria Ursula Columba zum Putz bzw. Pütz, verheiratete de Groote, die mit 33 Jahren an „Auszehrung“ starb. Ihr Schwager Everhard de Groote berichtet, die Leiche habe sich „wegen der vielen gebrauchten Medikamente und sonstigen Umstände nicht lange aufbewahren lassen“. Sie wurde zunächst bei den Kreuzbrüdern beigesetzt, aber ein halbes Jahr später in der Gruft der von den de Groote-Brüdern neu erbauten Elendskirche St. Gregor endültig bestattet. Maria Ursula sollte dank ihrer kurzen Affäre zu spätem Ruhm gelangen.

R. Wagner