Wetterwechsel

Bild der 15. Woche - 12. bis 18. April 2010

Edward Theodore Compton, Nahe Neroth, gegen die Sonne, 20. Juni 1868 (?) Aquarell über Bleistift, 7,6 x 13,4 cm Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Graphische Sammlung 1976/17-24 (Foto: Klinke, Wallraf das Museum)
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Ein auffrischender Sommerwind treibt dunkle Wolken über die Hügel der Eifel. Hier schiebt er sie zusammen, dort zieht er sie auseinander, bis eine Öffnung den Blick auf das Blau des Himmels freigibt. Das Spiel des Wetters auf landschaftlicher Bühne zieht uns unmittelbar in den Bann. Wohl um den 20. Juni 1868 muss es gewesen sein, als der erst 18-jährige Edward Theodore Compton (Stoke Newington bei London 1849 – 1921 Feldafing bei München) auf einer Erhebung in der Nähe des kleinen Nests namens Neroth stand und mit gekonntem Pinselstich seine Impression der Landschaft in Aquarellfarben tauchte; Skizzenblock und Pinsel in den Händen, die Aquarellfarben kurzerhand abgestellt. Es ist eins von insgesamt etwa vierzig Aquarellen, die Compton im Zeitraum vom 25. Mai bis zum 3. Juli 1868 für sein Reisetagebuch in Bildern schuf. Eine dem Skizzenalbum beigefügte, von Compton gezeichnete Landkarte unterstreicht den dokumentarischen Charakter seiner Reise. Compton ging es vor allem um eine präzise Wiedergabe des Gesehenen. Mindestens zwei verschiedene Skizzenblöcke von unterschiedlicher Größe muss er bei sich gehabt haben. Dies belegt der Vergleich aller Formate. Doch auch in dieser Hinsicht fällt das Blatt „Nahe Neroth, gegen die Sonne“ aus der Reihe. Denn es ist mit 7,6 cm in der Höhe und 13,4 cm in der Breite deutlich das kleinste der Serie. Compton markierte hier mit Bleistift den Horizont und gliedert das kleine Blatt damit in das ausgewogene Höhenverhältnis von eins zu zwei. Die Aquarellfarbe brachte er größtenteils nass-in-nass auf ein trockenes, relativ dickes und fast strukturloses Velinpapier auf. Kräftiges Grün, der nur teilweise bewaldeten Erhebungen, staffelt sich von dunkel bis hell. Mit Braun und Grau setzt Compton wenige Stiche hinzu, um das Schroffe der Eifellandschaft herauszuarbeiten. Gekonnt bedient er sich des Spektrums von Blau bis Grau-Violett um das stimmungsvolle Himmelsbild wiederzugeben. Als „Alpenmaler“ ging Compton schließlich in die Kunstgeschichte ein und fand zu seiner Zeit bereits eine respektable Anerkennung. Das eher heimatliche Sujet mag ein Grund dafür sein, dass sein Name heute selten fällt. Das kleine Blatt von Neroth, mit seiner hohen Ausdruckskraft, ist allerdings ein wertvoller Beleg für seine Könnerschaft schon in jungen Jahren. Die insbesondere diesem Blatt abzulesende zügige Malweise könnte darauf hindeuten, dass Compton etwas vor Ort zur Eile trieb. Wie sonst ist es zu erklären, dass er nur bei diesem Blatt auf die taggenaue Datierung verzichtete. War es aufziehender Regen?

Th. Klinke