Bleischwere Flügel

Bild der 18. Woche - 3. bis 9. Mai 2010

Anselm Kiefer Baum mit Flügel,1979 Öl auf Leinwand und Bleiflügel, 285 x 190 cm Köln, Museum Ludwig, ML 1449

Anselm Kiefer, 1945 in Donaueschingen geboren, setzt sich seit den 1970er Jahren äußerst differenziert mit deutscher Geschichte und Mythologie auseinander. So gibt es in seinem Werk etwa verschiedene Varianten der Herrmannsschlacht (Kampf mit der Cherusker gegen die Römer im Jahre 9 n. Chr., z. B. Stedelijk Van Abbe Museum, Eindhoven oder Sammlung der Deutschen Bank, Frankfurt a. M.) oder man findet Werktitel wie „Meistersinger“ (Privatbesitz), „Nürnberg“ (Collection of Eli and Edythe L. Broad, Los Angeles) und „Märkischer Sand“ (Stedelijk Museum, Amsterdam). Die Behandlung dieser z. Teil tabuisierter Themen hat ihm unverständlicherweise vereinzelt sogar den Ruf eines Faschisten eingehandelt. Kiefers Beschäftigung mit der deutschen Geschichte und dem Germanentum ist keineswegs eine Beschwörung des dunklen germanischen Geistes, sondern die historischen Ereignisse und deren mehrschichtiger Stoff werden in seinen Werken mit spekulativer, malerischer Methodik verarbeitet. Bereits in den 70er Jahren beschäftigte sich Kiefer mit dem Motiv des Fliegens. Der Flügel selbst taucht als zentrales Thema seit 1974 immer wieder auf. In einer Gruppe von Werken, zu der auch dieses Objekt „Baum mit Flügel“ gehört, beschäftigt er sich mit dem Wöhlundlied, der ‚Edda‘, das die Geschichte des Kunstschmieds Wöhlund (Wieland) erzählt. Der König Niedud ließ ihm die Beinsehnen durchschneiden, um ihn am Hofe zu halten. Der Kunstschmied rächt sich, indem er die Tochter des Königs vergewaltigt, die Söhne tötet und aus ihren Köpfen Trinkschalen fertigt. Dann entkommt er mit Hilfe selbst hergestellter Flügel. Hinter der Figur des Schmiedes steht das Vorbild des Dädalus aus der griechischen Mythologie. Kiefer verbindet in diesem Werk pastose Ölmalerei mit einem realen Gegenstand, einem aus Blei geformten Flügel. In den meisten dieser Wöhlund-Bilder ist der Flügel des Kunstschmiedes aus Blei gestaltet, einem Material, dem Kiefer schon immer große Bedeutung zumaß: Das Schwermetall Blei ist Rohstoff alchimistischer Veredelungsversuche; es gilt als Urmaterie in deren Schwere sich der volatile Geist verbirgt und aus der heraus er „erlöst“ werden kann. Diese innere Polarität des Materials setzt sich schließlich auch in der Form des Flügels fort

Museum Ludwig