Himmelfahrt

Bild der 19. Woche - 10. bis 16. Mai 2010

Antwerpen, erstes Viertel des 16. Jahrhunderts, Himmelfahrt Christi, 138,5 x 77,5 cm, Wallraf-Richartz-Museum, WRM 441
Antwerpen, erstes Viertel des 16. Jahrhunderts, Christus vor dem Hohenpriester Kaiphas, 194 x 77 cm; Wallraf-Richartz-Museum, WRM 440

Aus dem Mittelalter stammende Tafeln sind im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte nicht immer ohne Größenveränderungen in die Museen gelangt. Mal wurden beidseitig bemalte Altarflügel aus Holz senkrecht in zwei Hälften geschnitten, mal wurden mehrere Bilder auf einer Tafel auseinandergesägt, mal wurden unansehnlich gewordene Teiles des Bildes abgeschnitten. Woran erkennt man solche Veränderungen? Am deutlichsten sind Beschneidungen am fehlen der Malkante zu bestimmen, das heißt am Fehlen eines nicht bemalten schmalen Streifens des Bildes, welcher nach der Fertigstellung vom Rahmen überdeckt wurde. Häufig weist jedoch auch bei Personen das Fehlen von Körperteilen oder bei dem gesamten Bildthema die unvollständig dargestellte Szene auf derartige Abtrennungen der Bilder hin. Das hier dargestellte Gemälde der Himmelfahrt Christi könnte zu dieser Gruppe der beschnittenen Tafeln der Spätgotik zählen. Eine nur halb zu sehende Christusfigur am oberen Bildrand ohne Bildkante ist auf den ersten Blick ein Indiz für fehlenden Bildraum. In der Tat ist der Befund der Holztafel so, daß man von einem Verlust am oberen und sogar am unteren Bildrand ausgehen muß. Aus dem Vergleich mit zugehörenden anderen Teilen dieses Altares wird nämlich deutlich, daß im unteren Teil der ursprünglichen Tafel zwei weitere kleine Bildfelder zu sehen gewesen waren (s. kleines Bild mit einer Tafel aus dem gleichen Altarzusammenhang). Der oben fehlende Bildteil kann nicht sehr groß gewesen sein, dies macht ein Blick auf die Form der Darstellung deutlich. Das Thema 'Himmelfahrt Christi' war im Mittelalter und Spätmittelalter seit der Gotik geprägt von einer Darstellungsform, die vom dem emporschwebenden Christus nur die untere Körperhälfte zeigte. Seit dem 14. Jahrhundert tauchen zusätzlich immer häufiger - wie auch hier - Fußspuren Christi auf dem Felsen unter der Himmelfahrt auf. Die halbfigurige Darstellung läßt Christus häufig in Wolken verschwinden - Symbol für den Übergang zwischen irdischer Welt und Himmel. Da hier Wolkenreste am linken oberen Bildrand zu sehen sind, kann nur wenig vom Bild fehlen. Das Verschwinden Christi in der Wolke ist jedoch nicht nur als Versuch zu werten, dem Übergang von der Erde zum Himmel in eine malbare und dem Betrachter verständliche Bildsprache zu bringen, es ist zugleich auch eine wörtliche Interpretation des Berichtes der Himmelfahrt Christi in der Apostelgeschichte (Apg. 1,9-11): Nach diesen Worten wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke entzog ihn ihren Blicken. Und da sie zum Himmel hinaufsahen, wie er hinging, da standen vor ihnen zwei Männer in weißem Gewandt und sprachen: "Ihr Männer von Galliläa, was steht ihr und schaut zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen zum Himmel." Das Schriftband der beiden Engel am oberen Bildrand trägt in lateinischer Sprache den ersten Teil der in der Bibel überlieferten Aussage der Engel: "Viri galilei quid statis aspicie(n)tes i(n) celu(m)". Das Gemälde (Wallraf-Richartz-Museum, WRM 441) stammt von einem Antwerpener Maler der Jahre 1500 bis 1525 und ist Teil eines größeren Altarzusammenhanges.

T. Nagel