Im ägyptischen Schlaraffenland

Bild der 23. Woche - 7. bis 13. Juni 2010

Carl Rudolf Huber (zugeschrieben), Gruppenbild mit C. R. Huber(?), Franz von Lembach, Hans Markart, Adolf Gnauth, Leopold Carl Müller und Georg Ebers anlässlich ihrer Ägyptenreise 1875/76, Albuminpapier (Sammlung Dietmar Siegert, München).

Die Briefe, die der Maler Leopold Carl Müller im Jahrzehnt nach 1870 an Freunde und Familie schrieb, stellen eine wichtige Quelle für die gespannte Atmosphäre dar, die zwischen den freien und den arrivierten Künstlern der Wiener Akademie herrschte. Allerdings müsste uns der Maler Müller nicht weiter interessieren, wenn er nicht die zentrale Figur der Ägyptenreise gewesen wäre, die Hans Makart, Carl Rudolf Huber, Franz Lenbach, Adolf Gnauth und Georg Ebers im Herbst 1875 unternahmen. Und diese Reise wäre auch nur als eine Marginalie in den Viten der genannten Künstler zu betrachten, wenn sich nicht ein interessantes Konvolut von Fotografien erhalten hätte, das in den 1970er Jahren auf dem Markt erschien und seither – nach verbreiteter Auffassung – dem teilnehmenden Maler Carl Rudolf Huber zugeschrieben wird. Offensichtlich war diese Reise eine entspannte Unternehmung und ganz frei von Konkurrenzdruck. Müller hatte sich seit 1873 mehrfach in Ägypten aufgehalten, enthusiastisch von seinen Erlebnissen berichtet und schließlich die Künstlerkollegen davon überzeugt, dass eine Reise zum Nil zwingend geboten sei. Er gehörte schon fast zum Stammpublikum der europäischen Enklave in Kairo und übernahm die Organisationsarbeit für das Unternehmen der Künstler. Diese trafen am 26. November in Kairo ein und bezogen nach kurzer Zeit den Palast Musaffir Chana, der zwar heruntergekommen, aber großzügig im Raumangebot war und sich in bester Lage der Stadt befand. Sie kauften sich Teppiche, teilten die Räume auf und vernagelten die Bereiche, die sie nicht nutzten. Der gesamte Aufenthalt sollte drei Monate dauern. Die Teilnehmer dieser Künstlerreise befanden sich 1875 in unterschiedlichen Stadien ihrer jeweiligen Karrieren, allerdings nicht mehr am Anfang ihres Berufslebens, sondern auf dem sicheren Weg zum Erfolg. Es war eine Art Geschäftsreise, denn das Publikumsinteresse am ‚Orient’ war durchaus kalkulierbar, nachdem selbst die höchsten Repräsentanten der europäischen Monarchien Ägypten besucht hatten. Neben den allgemein überwältigenden Erlebnissen dieser Reise enthielt der Aufenthalt in Kairo eine besondere gemeinsame Erfahrung bereit: den Einsatz der Fotografie für Erinnerungsbilder, die an verschiedenen Stationen gemacht wurden. Das Erlebnis ‚Orient’ wurde nicht nur mit Künstleraugen erfasst, sondern auch beweiskräftig und überprüfbar in Fotografien festgehalten. Vom kommerziellen Angebot unterscheiden sich die Motive ganz grundsätzlich in ihrer Amateurhaftigkeit, in der Ungelenkheit des verharrenden Dasitzens der Modelle, in der sichtbar zum Ausdruck gebrachten dösigen Langeweile. Vielleicht handelten die Modelle nach Anordnungen der Künstler, vielleicht aber nach eigener Wahl, die wenig Professionalität verrät. Die exzentrischen Anordnungen können Absicht gewesen oder auf Schwierigkeiten zurückzuführen sein, die die Künstler bei der Inszenierung ihrer Bilderwünsche hatten. Vermutlich hatten sie aber auch Probleme mit der sprachlichen Verständigung. Ein Motiv gilt es besonders hervorzuheben, denn es bleibt zunächst rätselhaft, weil einfach nicht klar ist, was auf diesem Gruppenbild passiert bzw. mit welcher Intention es entstanden ist. Die hier zusehende Fotografie zeigt unsere Reisegruppe liegend, vielleicht im Sand, vermutlich aber auf dem Dach eines Hauses. Wohlgekleidet haben sie sich in unterschiedlichen Haltungen auf den Boden geworfen. Die ausgestreckten Arme, die angewinkelten Beine, der Arm unter dem Kopf, all dies verrät eine abgesprochene Inszenierung. Offensichtlich war man in bester Laune und gemeinsam bereit, die relativen Freiheiten auf dieser Reise auszunutzen, um einen kalkulierten Bruch der Konventionen zu wagen und demonstrativ das freizügige und lässige Leben zur Schau zu stellen. Normalerweise ließ man sich vor den Pyramiden, hoch auf dem Kamel, aufrecht und stolz fotografieren. Diese Reisegruppe tat das Gegenteil. Bleibt zu fragen, welche Bildabsichten mit dieser Konstellation verfolgt wurden. Befragte Ägyptologen haben die Vermutung, dass vielleicht eine Hieroglyphe gelegt worden ist, nicht bestätigen können. Auch der zuvor geäußerte Gedanke, dass die Künstler in Erinnerung an ihre Studententage agierten, in denen ja eine gewisse ‚Auszeit’ vor dem Erwachsenwerden mit allerlei Regelverstößen zugelassen war, kann nicht vollständig befriedigen. Aber mit großer Sicherheit kannten alle Teilnehmer das Gemälde „Das Schlaraffenland“ von Pieter Brueghel d. Ä. (s. Abbildung / Wikipedia) aus der Alten Pinakothek in München und mit großer Wahrscheinlichkeit haben sie dies ‚frei Schnauze’ als „Lebendes Bild“ nachgestellt. Das ‚Babylon des ersten Eindrucks war zum Paradies auf Erden geworden.

B. von Dewitz