Reduktion auf das Wesentliche

Bild der 42. Woche - 18. bis 24. Oktober 2010

August Sander, Hohenzollernbrücke, 1927, Rheinisches Bildarchiv Köln
August Sander, Hohenzollernbrücke, 1927, digitale Reproduktion des Negativ, RBA 090 723

Was ist das Original? Mit dieser Frage ist jeder konfrontiert, der sich mit der Fotografie beschäftigt. In einer Serie mit vier Gegenüberstellungen soll in den nächsten Bilder der Woche das Spannungsverhältnis zwischen Positivabzug und Negativ im Hinblick auf den Originalcharakter beleuchtet werden. Der unmittelbare Vergleich von autorisierten Abzügen der Fotografen mit den Negativen liefert wertvolle Hinweise zur Beantwortung dieser Frage. August Sander (1876-1964) ließ sich nach Militärdienst und Wanderjahren erst in Linz a. d. Donau und dann 1910 in Köln nieder. Dort entstanden sein Bildwerke „Menschen des 20. Jahrhunderts“ und „Köln wie es war“, aufgrund derer er zu den bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts zu zählen ist. Das 1952 vollendete Konvolut „Köln wie es war“ mit 408 von Sander selbst angefertigten Abzügen in 16 Bildmappen erwarb die Stadt Köln 1953 für das Kölnische Stadtmuseum. Die zugehörigen Negative erhielt das Rheinische Bildarchiv. Die Aufnahmen stammen überwiegend aus der Zeit zwischen 1920 und 1939 und zeigen das unzerstörte Köln. Bild 1.3 der Mappe 10 „Rheinfront, Brücken und Hafen“ gibt die Hohenzollernbrücke wieder, die zwischen 1907 und 1911 als Fachwerkbogenbrücke erbaut wurde und bis zu ihrer Zerstörung 1945 dem Eisenbahn und Straßenverkehr diente. Die Aufnahme zeigt die völlig unbelebte Brücke frühmorgens mit Blick nach Westen in Richtung Dom, wobei die wenigen von der Brückenarchitektur ablenkenden Hinweise auf das Stadtbild im neblig-weißen Hintergrund verschwinden. Für den eigenhändigen Abzug in der Mappe wählte Sander einen Ausschnitt des Negativs (s. Bild rechts). Der rechte Bildrand hat durch die Wahl des Ausschnitts rechts einen geschlossenen, dunklen Abschluss erhalten, dem der helle und offene linke Bildrand gegenübersteht und die Leserichtung von links nach rechts vorgibt. Durch den Standort der Kamera an einem Außenpfeiler mit Ausrichtung nach Südwesten erreichte Sander einen Blickwinkel mit starken Überschneidungen der gebogenen Streben, Pfeilerreihen und Querverstrebungen und konnte so die Komplexität der Brückenkonstruktion ausdrucksstark ins Bild setzen. Im Gegensatz dazu stehen die geraden, das Bild formal beruhigenden Linien der Eisenbahnschienen, die den Blick des Betrachters von links unten diagonal durch die untere Bildhälfte in die Tiefe des Bildes zur hellen Brückenöffnung leiten.

J. Gummlich-Wagner