Die zentrale Bildaussage betonen

Bild der 43. Woche - 25. Oktober bis 1. November 2010

Karl Hugo Schmölz, Handwerker-W.[agen] Phot. Wagen mit Mutter u. Kind Vergröss.[erung], 1933, Rheinisches Bildarchiv Köln
Vollständige Abbildung des Negativ mit Einfärbung (rot, Neu-Coccin) und Klebestreifen, Rheinisches Bildarchiv Köln RBA 711 284

Was ist das Original? Mit dieser Frage ist jeder konfrontiert, der sich mit der Fotografie beschäftigt. In einer Serie mit vier Gegenüberstellungen soll in den nächsten Bilder der Woche das Spannungsverhältnis zwischen Positivabzug und Negativ im Hinblick auf den Originalcharakter beleuchtet werden. Der unmittelbare Vergleich von autorisierten Abzügen der Fotografen mit den Negativen liefert wertvolle Hinweise zur Beantwortung dieser Frage. Das Rheinische Bildarchiv erwarb 1999/2000 das „Privatarchiv“ des Kölner Architektur- und Werbefotografen Karl Hugo Schmölz (1917-1985). Das Konvolut umfasst etwa 2000 Glas- und Planfilmnegative und eine Mappe mit 29 großformatigen Abzügen von Skulpturen und anderen Kunstgegenständen aus dem Kölner Dom. Im Inventarbuch des Fotografen wurde die Aufnahme auf den Seiten zum Oktober 1933 unter der Nummer 363 als „Handwerker-W.[agen] Phot. Wagen mit Mutter u. Kind Vergröss.[erung]“ verzeichnet. Dies lässt darauf schließen, dass die Aufnahme während des Umzugs zur Reichshandwerkerwoche vom 15.-22. Oktober 1933 am Neumarkt entstanden ist. Das Hauptmotiv ist ein LKW mit einer überdimensionierten Fotografenfigur unter einem schwarzen Tuch an seinem Fotoapparat. Der Pappmaché-Fotograf weist mit lang ausgestrecktem Arm und Finger nach links in Richtung seines Motivs. Einer der Beobachter der Szene, der Mann mit Bart im dunklen Anzug auf der zurückliegenden Straßenseite, der geradeaus in die Kamera blickt, könnte der Kölner Fotograf August Kreyenkamp (1875-1950) sein. Das zentrale Motiv des Reklamewagens, auf dem das Porträt einer Mutter mit Kind sowie einzelne Kinderporträts plakatiert sind, und auch die dem Wagen folgende Mutter mit Kinderwagen als potentielle Kundin für Porträtfotografien erscheinen im Abzug deutlich stärker kontrastiert als die Beobachter im Hintergrund, die Bäume und die durchscheinende Architektur. Diesen Effekt erreichte Schmölz, indem er das Glasnegativ (s. Bild rechts) an den Stellen, die weniger kontrastreich erscheinen sollten, mit dem Farbstoff Neu-Coccin einfärbte. Außerdem klebte er die Glasplatte mit schwarzem Klebeband so ab, dass ein für seine Bildaussage optimaler Bildausschnitt entstand.

J. Gummlich-Wagner