Das inszenierte Porträt

Bild der 44. Woche - 1. bis 8. November 2010

Chargesheimer, Josef Kardinal Frings, um 1955/56, Rheinisches Bildarchiv Köln
Vollständige Abbildung des invertierten Negativs, Rheinisches Bildarchiv Köln CCH 5391_3_2

Was ist das Original? Mit dieser Frage ist jeder konfrontiert, der sich mit der Fotografie beschäftigt. In einer Serie mit vier Gegenüberstellungen soll in den nächsten Bildern der Woche das Spannungsverhältnis zwischen Positivabzug und Negativ im Hinblick auf den Originalcharakter beleuchtet werden. Der unmittelbare Vergleich von autorisierten Abzügen der Fotografen mit den Negativen liefert wertvolle Hinweise zur Beantwortung dieser Frage. Im Schaffen des Kölner Fotografen Chargesheimer (1924-1971) bildete neben den Straßen- und Theateraufnahmen die Porträtfotografie einen wesentlichen Schwerpunkt. Seit 1947 freiberuflich als Fotograf für die Bühnen in Hamburg-Harburg, Hannover, Essen und Köln tätig, waren seine Porträts in ihrer drastischen maskenhaften Überzeichnung durch das Theatermilieu geprägt. Licht und Schatten, starke hell-dunkel Kontraste spielten in seinen Aufnahmen eine wesentliche Rolle, so auch bei dem vorliegenden Porträt des Kölner Erzbischofs (1942-1969) und Kardinals Josef Frings. Die Aufnahme entstand vermutlich um 1955/56 in zeitlicher Nähe zu dem wohl berühmtesten Porträt Chargesheimers, das 1957 auf dem Deckblatt des ‚Spiegel’ erschien und das Gesicht des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauers als 80jährigen Greis zeigte. Auch das Gesicht des in Köln äußerst beliebten Kardinals taucht schlaglichtartig beleuchtet fast magisch aus der Dunkelheit auf. Die Falten über der hochgezogenen linken Augenbraue verleihen dem nachdenklichen Blick eine humorige Skepsis, die auch als leises Lächeln in den verschatteten Mundwinkeln liegt. Chargesheimer erzielte diese Wirkung durch eine Manipulation des Negativs, welches den Kardinal noch im Halbporträt in seiner Amtskleidung vor einem räumlichen Hintergrund zeigt. Er veränderte den Ausschnitt und wählte ein Querformat, das er radikal nachbelichtete, so dass der Kopf gelöst aus dem Raum in eindringlicher Direktheit, geradezu monumental dem Betrachter entgegen kommt. Die Gegenüberstellung von Negativ und Abzug zeigt in diesem Beispiel besonders deutlich, dass nur dem vom Fotografen gefertigten Abzug, als dessen autorisierte Interpretation des Negativs, die Bezeichnung Original zusteht.

E. Bertram-Neunzig