Von einem armen ‚Muselman’ – noch ein Blatt aus dem Stammbuch des Gerhard Pilgrum

Bild der 30. Woche - 25. bis 31. Juli 2011

Blatt 134v aus dem Stammbuch des Gerhard Pilgrum Einband Pergament, Papier, 18 x 13 cm, Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Inv.-Nr. HM 1950/97, Sig.: Auto 2

„Ich byn eyn Thürckischer Edelman, Ins Keysers heer reyt ich voran…“, schrieb Hans Guldenmundt (um 1490-1560) in seiner Serie von Holzschnitten zur ersten Türkenbelagerung von Wien. Die dazugehörige Illustration eines getroffenen Standartenträgers von Niclas Stör (um 1503-1562) ähnelt dieser Miniatur von unbekannter Hand aus dem Stammbuch Pilgrum (vgl. BdW 45/2010). Guldenmundts Bilderfolge thematisiert ein Ereignis, das 1529 nicht nur die Wiener, sondern das ganze Abendland erheblich verstörte: Die Türken standen vor Wien. Der Versuch, das Osmanische Reich nach Westeuropa auszudehnen, war eine Herausforderung des Heiligen Römischen Reichs, das sich keinesfalls Sultan Süleyman dem Prächtigen und seinen Janitscharen beugen mochte. Nach einem Monat gelang es den Reichstruppen, das türkische Heer zum Rückzug zu zwingen. Ob die Miniatur einen Ausschnitt des Kriegsgemetzels zeigt oder nicht, mag dahingestellt sein. Bemerkenswert ist, dass sie eine Handlungssequenz schildert. Sie erzählt ohne Worte vom Aufeinandertreffen zweier feindlicher Kämpfer: Man sieht das Aufbäumen der Schlachtrösser, den Schuss aus der Arkebuse, den Pulverdampf, den Brusttreffer, die blutenden Wunde und die aus der Hand fallende Standarte. Das narrative Element dieser Darstellung hebt sich deutlich von sonstigen Illustrationen in Freundschafts- oder Stammbüchern ab. Gemeinhin finden sich neben den zahlreichen Wappendarstellungen und Kostümbildern die verbalen Widmungen und Huldigungen an den Albuminhaber. Seltener sind exotische Darstellungen von fremden Menschen oder Tieren. Während der Wandteppich von Bayeux, eine Tapisserie aus dem 11. Jahrhundert von ungefähr 70 Meter Länge und 50 cm Breite, die Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer in aneinander gereihten Bildern beschreibt, stellt der hier ausgewählte Augenblick eine komplexe Handlung in einem Bild dar. Der zornig schnaubende Rappe und ihm gegenüber der erschreckte Schimmel scheinen den Ausgang des Kampfes empathisch zu kommentieren. Die Schusswaffe gegenüber Schild und Standarte dienen zur Verdeutlichung des Konflikts zwischen Okzident und Orient. Der Sieg des Abendlandes mag auf technischem Vorsprung begründet sein, scheint aber zutiefst unfair.

B. Alexander