Hoch hinaus im kölschen Universum

Bild der 46. Woche - 14. bis 20. November 2011

Rinkenhof, 1899, Federzeichnung von Roland Anheisser, 28,3 x 17,3 cm, Kölnisches Stadtmuseum – Graphische Sammlung; Foto: Köln, Kölnisches Stadtmuseum

Den Abbruch des spätmittelalterlichen Treppenturms des Rinkenhofes vor hundert Jahren, am 18. November 1911, bezeichnete der später Stadtkonservator Hans Vogts als „bedauernswerten Vandalismus“. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte Johann II Rinck diesen Turm in der Nähe von St. Mauritius errichten lassen. Der rheinische Graphiker Roland Anheisser (1877–1949) hielt 1899 die Situation am Rinkenpfuhl 24 fest. Von der ursprünglich dreiflügeligen Anlage blieben am Ende des 19. Jahrhunderts nur noch Hauptflügel und Treppenturm, wie auf dieser Zeichnung zu erkennen ist. Conrad Rinck, der Vater Johann I Rincks († 1464), war aus dem Hessischen zugewandert. Seinen Reichtum erwarb Johann als Hansekaufmann. Der Sohn und Erbe Peter (um 1429–1501) wählte eine geistliche Laufbahn; er war Professor an der juristischen Fakultät der Kölner Universität. Um 1450 kam auch Johanns Verwandter Hermann I nach Köln; dieser hatte elf Kinder, seine vier Söhne waren geschäftlich sehr erfolgreich. Johann II Rinck, der älteste und reichste, erbaute neben dem Rinkenhof auch Haus Königstein in der Schildergasse, wo er mit seiner Familie lebte. Er war eine charakteristische Persönlichkeit der Kölner Frührenaissance. 1512 wurde Johann in den Ritterstand erhoben und brachte es in seinem Todesjahr 1516 endlich auch zum Bürgermeisteramt. Hermann II hatte enge Verbindungen nach England und wurde Rat des englischen Königs wie des Kaisers. Auch Conrad zog es nach England, wohingegen der jüngste, Adolf, neunmaliger Kölner Bürgermeister war. Seit 1473 waren mehrere alte Anwesen am Rinkenpfuhl im Besitz der Familie Rinck vereinigt. Nach Peters Tod gelang es Johann II, den gesamten Rinkenhof in seinen Besitz zu bringen. Ab 1502 wurde für ihn ein Neubau errichtet, dessen hervorragender Teil ein 100 Fuß (rhein. Fuß = 0,314 Meter) hoher Treppenturm werden sollte. Dieser hatte an der Laterne die Wappen des Kaisers, Spaniens, Burgunds, Brabants, des Papstes, Frankreichs, Englands, Kölns und des Reiches sowie auf kleinen Schilden die Wappen des Erbauers und dessen zweiter Frau. Er huldigte damit Kaiser Karl V., in dessen Reich die Sonne bekanntlich nicht unterging, aber auch dem höchsten Herrn der Christenheit, seiner Heimatstadt sowie seinen wichtigsten Handelspartnern. Gekrönt wurde der Turm von einer Plattform mit Wasserspeiern in Tiergestalt und einer Maßwerkbrüstung. Die Erbauer des Rinkenhofes waren vermutlich am spätgotischen Lettner von St. Pantaleon geschult. Der Treppenturm war eine Tradition aus Lothringen und erreichte Köln im 15. Jahrhundert über die Niederlande. In Köln erhielt er aber eine eigene Ausformung. Hier waren Wendeltreppen bis weit ins 18. Jahrhundert hinein gebräuchlich. Der früheste bekannte Treppenturm wurde 1484 bis 1502 am Lichhof von Münzmeister Mais van Venwide errichtet. Nach 1502 folgte dann der Turm am Rinkenhof von Johann Rinck. Er war 100 Fuß hoch und hatte einen Durchmesser von 14 Fuß. 1508 bis 1510 wurde der Turm des Nicasiushofes errichtet – er war mit 103 Fuß etwas höher und mit 15 Fuß etwas breiter als der Rinkenhof. Dieser Wettstreit zweier emporgekommener Familien, der Rincks (vgl. Bild der Woche 35/2000) und der Haqueneys (vgl. Bild der Woche 4/2007), führte zu einem wahren Wettstreit im Bau weiterer Türme. Auch die Geistlichkeit – z. B. Propstei von St. Maria ad Gradus – und die Stadtverwaltung – Zeughaus, Fischkaufhaus – folgten der Mode. Noch im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts gab es 23 solcher Türme, der Modernisierungswahn der folgenden Jahrzehnte ließ bis zum Krieg sechs übrig. Lediglich ein einziger originaler Treppenturm steht heute noch in Köln: Es ist der 1594 errichtete, 65 Fuß hohe Treppenturm am Zeughaus.

R. Wagner