St. Agnes auf dem Kappesfeld

Bild der 3. Woche - 16. bis 22. Januar 2012

Junkers Luftbild 1928 (Abzug Hansa Luftbild GmbH), 17,5 x 24 cm, Kölnisches Stadtmuseum

Bei der Anlage der Neustadt nach dem Plan von Josef Stübben (1845–1931) (Bild der 23. Woche - 6. Mai bis 12. Juni 2011) war vorgesehen, an zentralen Plätzen Kirchenbauten zu errichten. Auch am Neusser Platz sollte als Blickfang eine katholische Kirche entstehen. Nachdem 1890 Agnes Roeckerath mit 44 Jahren verstorben war, erklärte ihr Ehemann und Vater ihrer zehn Kinder 1895, zu ihrem Gedächtnis eine Kirche errichten zu wollen, wenn die Kirche nach der Namenspatronin seiner Frau, der hl. Agnes benannt werde. Peter Joseph Roeckerath wurde 1837 in Köln als Sohn eines Schneiders geboren. Er strebte zunächst die Priesterweihe an, entschied sich dann aber doch für den Beruf eines Gymnasiallehreres (Geschichte, Deutsch, Altphilologie). 1860 wurde er promoviert und war bis 1871 im Lehramt tätig. Nach einer kurzen, kinderlos gebliebenen Ehe heiratete er 1867 Agnes Schmitz aus einer alten Kölner Kappesbauernfamilie. Roeckerath betätigte sich bald auch politisch im Umfeld der 1871 gegründeten katholischen Zentrumspartei; 1875–1893 gehörte er der Kölner Stadtverordnetenversammlung an, 1873–1879 dem preußischen Abgeordnetenhaus und 1884–1887 sogar dem Deutschen Reichstag. Im Zuge der Stadterweiterung nach 1881 betätigte er sich dank Mitgift und Erbe seiner Ehefrau als Bauunternehmer und Grundstückhändler, wodurch er zu beträchtlichem Reichtum gelangte. Als Stadtverordneter erfuhr er früh von Neubaugrundstücken in städtischem Besitz und trat dann entweder selbst als Käufer auf oder über die AG Cölner Grunderwerb, ließ dort dann Häuser errichten und verkaufte sie an den Mittelstand umgehend weiter. Auf Wunsch Roeckeraths wurden mit Entwurf und Ausführung einer dreischiffigen Hallenkirche im Stil der Spätgotik mit einem Turm ohne Spitzdach die Kölner Architekten Carl Rüdell (Trier 1855–1939 Köln) und Richard Odenthal (Frechen 1855–1919 oder 1920) beauftragt. Zwischen 1896 und 1903 wurde der von Roeckerath vollständig finanzierte Bau (die noch junge Agnespfarrei übernahm lediglich die Kosten für das Grundstück) errichtet. Die Einsegnung der Kirche St. Agnes war vor 110 Jahren, am 21. Januar 1902. Als Roeckerath 1905 verstarb, wurde er in einer Seitenkapelle von St. Agnes beigesetzt. Die feierliche Weihe der Kirche erfolgte erst nach Fertigstellung der Sakristei 1913. Die Rheinische Zeitung betitelte den Neubau als „St. Röckerathkirche“, der Volksmund nannte sie auch „St. Agnes auf dem Kappesfeld“ – sowohl in Erinnerung an den Ursprung des Vermögens, das ihre Errichtung ermöglichte, als auch als Hinweis darauf, dass sich in ihrer Umgebung immer noch unbebautes, landwirtschaftlich genutztes Gelände befand. St. Agnes ist mit rd. 2155 qm nach dem Dom die zweitgrößte Kirche Kölns. Die Agnes-Gemeinde, die 1902 mit 7000 Gemeindemitgliedern begann, entwickelte sich bis 1933 mit 21.674 Gläubigen zur größten Innenstadtpfarrei nach Herz Jesu. Die Pfarrei hatte wie das Agnesviertel von Anfang an eine sozial gemische Bevölkerungsstruktur. St. Agnes blieb übrigens die einzige Neustadtkirche, deren Namen ein Viertel prägte. Wie auf dieser Luftaufnahme, die anlässlich der großen PRESSA-Ausstellung in Köln 1928 (Bild der 19. Woche - 12. bis 18. Mai 2008) entstand, sieht man deutlich, dass das Gebiet zur Innenstadt hin dicht bebaut war, wohingegen sich nach Norden noch reichlich unbebautes Gebiet erstreckte, das im großstädtischen Umfeld für Schrebergärten genutzt wurde. Die idyllische Allee im Hintergrund entspricht etwa dem Verlauf der heutigen Inneren Kanalstraße. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Kirche schwer beschädigt, bis 1958 unter der Leitung von Willy Weyres aber wieder hergestellt. Nach einem Dachstuhlbrand wurde 1980 das Gewölbe wieder eingezogen und das Nachkriegsprovisorium ist heute verschwunden.

R. Wagner