Eucharistie und Auferstehung

Bild der 15. Woche - 9. bis 15. April 2012

Turmmonstranz, Aachener Werkstatt um 1510, Kupfer versilbert und vergoldet, Höhe: 66 cm, Köln, Museum Schnütgen, G 143

Diese aus Herzogenrath bei Aachen erworbene gotische Turmmonstranz gehört heute zum Bestand des Kölner Museum Schnütgen. Sie ist in vergoldetem und versilbertem Kupfer gearbeitet, entstand wohl im frühen 16. Jahrhundert und wird mit dem in Aachen arbeitenden Goldschmied Hans von Reutlingen (1465-1547) in Verbindung gebracht. Er war einer der bedeutendsten Goldschmiede seiner Zeit und arbeitet u. a. für die Habsburger Kaiser Maximilian I. und Karl V. Das zentrale, vermutlich gläserne Schaugefäß der Monstranz fehlt heute und ist nur noch an seiner Bodenfassung unter der halbmondförmigen Halterung (Lunula) rekonstruierbar. Der zehnpassförmige Fuß zeigt die für die Spätgotik typischen Buckelornamente. Auf den beiden seitlichen Kugelkonsolen stehen die Figuren von Maria und Johannes, den beiden Heiligen, die in der mittelalterlichen Malerei auch als Begleitfiguren auf dem sogenannten Kanonbild zu finden sind, also der Darstellung Christi am Kreuz. Hier schon zeigt sich die besondere theologische Konzeption dieser Arbeit. Stellt man sich vor, wie die runde konsekrierte Hostie, im katholischen Verständnis der Leib Christi, von der halbmondförmigen Halterung gehalten im Zentrum dieses Schaugefäßes steht, so wirkt die Darstellung des auferstandenen Christus darüber – vor allem durch den auffallend breiten Strahlenkranz – überdimensioniert. Man würde erwarten, dass das theologische Konzept der Arbeit alles auf den eigentlichen Mittelpunkt, der Eucharistischen Hostie, ausrichtet. Stattdessen wird hier mit der deutlichen Betonung der Figur des Auferstandenen ein besonderer Akzent gesetzt. Indem sich der Betrachter über diese Darstellung Gedanken macht, indem er sich die Frage nach der Bedeutung dieses starken Bildmotivs stellt, erfüllt die Darstellung ihren Zweck, führt sie den Betrachter zur anbetenden Betrachtung: Was hat die Auferstehung mit der Eucharistie zu tun? Zunächst steht die Einsetzung der Eucharistie am Gründonnerstag am Anfang der drei wichtigsten Tage der Heilsgeschichte. In ihr vergegenwärtigt sich das Opfer, welches Christus am Karfreitag am Kreuz brachte (s. Assistenzfiguren Maria und Johannes). Die Auferstehung bildet dann den „Abschluss“ der Ereignisse am Ostermorgen. Eucharistie und Auferstehung gehören also zusammen. Jede Hl. Messe, in welcher aus dem Brot der Hostie der Leib Christi wird, steht im Zeichen der Auferstehung, denn der Leib Christi ist der Leib des Auferstandenen. Wenn man Christus in der Gestalt der Hostie verehrt und zu ihm betet, ihn anbetet, so begegnet man dem Auferstandenen, wie einst die Jünger am Abend des Ostertages (Joh. 20,19-23).

T. Nagel