Edouard Manet, Spargelbündel

Bild der 27. Woche - 2. bis 8. Juli 2012

Edouard Manet (Paris 1832-1883 Paris) - Spargelbündel, 1880 gemalt, Leinwand, 46 x 55 cm, Wallraf-Richartz-Museum, WRM Dep. 318

Manet ist erst in seinen späteren Lebensjahren zur Stillebenmalerei gekommen. Zwar sind bereits seit 1862 Stilleben von seiner Hand erhalten, doch setzt eine intensive Beschäftigung damit erst 1880 ein, drei Jahre vor seinem Tod. Dargestellt ist ein Bündel dicker Spargelstangen auf einem Polster grüner Blätter. Damit ist der Bildgegenstand definiert, doch über das Bild wenig ausgesagt. Denn das Wesentliche dieses Stillebens liegt nicht im Objekt und seiner tatsächlichen oder einer möglichen symbolischen Bedeutung, sondern in der Art der Ausführung. Der Bildausschnitt harmoniert mit dem Format des Spargelbündels, das in ungewöhnlicher Sicht gezeigt wird. Nicht von oben, sondern von der Seite, nicht zufällig, sondern in alter Stillebenmanier als "Arrangement". Die langen grünen Blätter der Unterlage fließen wie in Wellen vom linken Mittelgrund zur rechten Bildecke, links noch etwas strohig, dann immer beweglicher werdend. Auf diesen Blättern ruht, kaum einsinkend, das pralle Bündel, dessen Volumen durch das Rund der Weidenruten noch betont wird. Die Spargelstangen sind stärker zur Bildebene hin ausgerichtet und weisen somit eine andere Richtung als die untergelegten Blätter. Der meisterlichen Komposition entspricht eine Farbgebung, die größten Nuancenreichtum mit Harmonie verbindet. Die Farben der Spargelstangen setzen sich aus einer Vielzahl von hellen Farben zusammen, die mit wenigen blauen Farbstreifen vermischt sind, die das Blauviolett der Spargelspitzen aufnehmen. Der Hintergrund ist als braunviolette Farbfläche gegeben, die durch reiche Farbnuancierung lebendig wirkt, die Blätter der Unterlage weisen eine umfangreiche Grünpalette auf, die vom hellen Gelbgrün bis zum schweren Blaugrün reicht. In der weißlichen Tischfläche schließlich findet sich an einigen Stellen als Abglanz die Farbe der Spargelköpfe wieder. Manet hat einige Stilleben gemalt, die nur einen Gegenstand zeigen, oder eine Anzahl gleicher, wie zum Beispiel eine Melone, oder eine Schale mit Pfirsischen. Er hat damit, wie schon sein großer Vorgänger auf dem Gebiet des Stillebens, Jean Siméon Chardin, bewiesen, daß höchste malerische Qualität nicht vom Objekt abhängt, vielmehr jedes Objekt, auch ein einfaches oder geringwertiges, ein Stilleben auszufüllen vermag. Das Spargelbündel entstand 1880 und wurde gleich nach der Vollendung von Charles Ephrussi, dem Herausgeber der führenden französischen Kunstzeitschrift "Gazette des Beaux-Arts" und Freund des Schriftstellers Marcel Proust erworben. 1907 gelangte das Bild in den Besitz des Malers Max Liebermann und konnte 1967 von den Nachkommen Liebermanns für das Wallraf-Richartz-Museum erworben werden.

G. Czymmek