Minnekästchen - Objekte der Neugier.de

Bild der 46. Woche - 17. November bis 23. November 2014

Minnekästchen, Oberrheinisch?, 14./15. Jh.?, Tannenholz, Leder, Eisenbeschläge, Samt, H 13 x B 23 x T 14 cm, Kölnisches Stadtmuseum KSM 2008/469, Foto Stefanie Behrendt.

Ansicht des Minnekästchens von oben, Foto Stefanie Behrendt

Seitenansicht links, Foto Stefanie Behrendt

„Minnekästchen, kleines Deckelkästchen aus Holz, Elfenbein oder Leder; Geschenk des Bräutigams an seine Braut, gebräuchlich v. a. vom 13. bis 15. Jahrhundert im Gebiet des Oberrheins; häufig mit gemalten oder geschnitzten Liebesallegorien verziert.“1 Diese lexikalische Beschreibung lädt zum Träumen ein – man imaginiert den edlen Ritter, wie er der Dame seines Herzens ein kostbares Kästchen als Liebespfand überreicht, woraufhin sie ihm die Hand zum Reigen, wenn nicht gar zum Bund der Ehe reicht...

Minnekästchen - es ist sehr bedauerlich, dass das Mittelalter keine Worte für sie fand. Ihre Überlieferung ist rein materieller Art durch ihr bares Vorhandensein in erstaunlich zahlreicher Form von rund 200 Exemplaren allein für den deutschsprachigen Raum2.

Ebenso lässt ihr spätes Erscheinen in privaten, kirchlichen oder öffentlichen Sammlungen im Laufe des (eher späteren) 19. Jahrhundert erstaunt fragen, wo sie die vorherigen ca. vier bis sechs Jahrhunderte Unterkunft fanden, wenn für kein einziges eine durchgehende, nachvollziehbare Provenienz gesichert ist.

Bei der Beschaffenheit vieler Kästchen (z. B. mit Holzkorpus, Lederbezug oder modellierter, farbiger Fassung) muss man sich wundern, wie sie die Jahrhunderte in recht unbeschadetem Zustand überdauerten.

Minnekästchen – ein Sammelbegriff für kleine Behältnisse, deren Verwendung so unbekannt wie vielfältig vermutet wurde: zur Aufbewahrung von Schmuck oder anderen Wertgegenständen, Verlobungs- oder Hochzeitsgeschenken, Dokumenten, Briefen, oder religiösen Reliquien und solchen privater Natur.

Zur Provenienz dieses hier gezeigten Kästchens ist folgendes überliefert: „Nach einliegendem Zettel 1858 von einem Georg Lotter in einem kleinen Laden als Nagelkasten gekauft, bis 1897 aufbewahrt und dann seiner Enkelin B. Remy aus Neuwied geschenkt.“3 Spätestens seit 1927 war das Kästchen im Besitz von Kasimir Hagen, der den Großteil seiner Sammlung 1957 an die Stadt Köln stiftete. Die Sammlung war zeitweilig im Overstolzenhaus und auch in Chorweiler ausgestellt und wurde anschließend auf die Kölner Museen verteilt. Seit wann sich das Kästchen im Kölnischen Stadtmuseum befindet, ist nicht bekannt. Es wurde 2008 nachinventarisiert.

Es handelt sich um ein kleines Kästchen mit Walmdach und Eisenbeschlägen. Das Schloss an der Schauseite fehlt. Der Lederbezug ist in Treibarbeit und Lederschnitt gefertigt. Auf dem Holzkorpus liegt ein abgeflachter Walmdeckel. Die Eisenbeschläge sind über das Leder geführt. Im Inneren findet sich eine später hinzugefügte Stoffauskleidung aus grünem Samt.

Auf der Vorderkante des abgeflachten Walmdachs (s. Bild rechts) ist in Minuskeln das Schriftband „hilf got mariam“ zu lesen. Auf der vorderen Schrägseite des Dachs ist ein weiteres geschwungenes Schriftband in Minuskelschrift, das bisher noch nicht zu entziffern war.

Von besonderem Interesse ist das linke Seitenteil, weil es zu uns zu einem Vergleichsobjekt führt und so eine räumliche und zeitliche Einordnung ermöglicht. Auf diesem sind zwei Körper modelliert, die in der Mitte in einem Löwenkopf mit strahlenförmiger Mähne zusammengefügt sind (s. zweites ild  rechts). Diese außergewöhnliche Darstellung eines Löwenkopfes findet sich auch auf einem Kästchen, das sich seit 1856 in den Sammlungen des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg befindet. Es wird um 1400 datiert und soll aus Österreich stammen.

Folgendes lässt sich zu unserem Kästchen feststellen: es entspricht einem Aufbewahrungsmöbel des Typs Brief-, Dokumenten- oder Hochzeitslade, der um 1400 im Oberrheinischen Raum bis nach Österreich bekannt und verbreitet war. Von dieser Art Behältnisse sind allein in Kölner Museumsbesitz noch rund 20 erhalten. (Möglicherweise befinden sich auch Kopien darunter.) Von dem oben erwähnten Vergleichsobjekt aus dem Germanischen Nationalmuseum gibt es zusätzlich eine Kopie in Privatbesitz.

Sollte das bei unserem Kästchen ebenso sein, bitte ich um freundliche Mitteilung.


[1] Htttp://universal_lexikon.deacademic.com, 24.7.2014
[2] Kohlhaussen, Heinrich – Minnekästchen im Mittelalter, Berlin 1928
[3] Kohlhaussen, S. 85, Nr. 59a

B. Alexander