Braune Brühe

Bild der 15. Woche - 13. April bis 19. April 2015

"Mein Kampf badet". Versuchsanordnung, -durchführung und Fotos: S. Behrendt

"Mein Kampf im Ausguss". Versuchsanordnung, -durchführung und Fotos: S. Behrendt

Es kommt wohl eher selten vor, dass man sich der systematischen Vernichtung eines Buches widmet. Bei Desinteresse oder übervollen Regalen wird man es vielleicht in den nächsten öffentlichen Bücherschrank, einen Kirchenbasar oder in den Papiercontainer verschaffen. Aus den Augen, aus dem Sinn, aber immerhin nicht vernichtet.

Bei dem hier nun nicht mehr existierenden Buch handelt es sich um eine späte Ausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Der erste Teil der ursprünglich in zwei Bänden publizierten Ausgabe entstand 1924 während seiner Festungshaft in Landsberg und wurde 1925 veröffentlicht. Der zweite folgte 1926. Inhalte sind Hitlers Werdegang, seine politischen Überzeugungen und seine Weltanschauung. Die beiden Bände der Erstausgabe kosteten zwischen 12-14 RM pro Band, die spätere einbändige Volksausgabe erst 12 RM, später 8 RM. Ab 1936 wurde in vielen Kommunen den Hochzeitspaaren eine Ausgabe auf Kosten der jeweiligen Stadtkasse übereicht. Bis 1944 erschienen 10,9 Millionen Exemplare, von denen Hitler 10% Tantiemen erhielt, was vorsichtig geschätzt 8 Millionen Reichsmark ausmachte. Dieser Nebenverdienst wurde von ihm nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern auch dadurch garantiert, dass er mittels der Reichsschrifttumskammer einen Erlass durchsetzte, wodurch der antiquarische Handel mit „Mein Kampf“ verboten war.

Auch wenn in vielen Haushalten das Buch in der Zeit nach 1945 still entsorgt wurde, oder bei Haushaltsauflösungen keinen neuen Interessenten fand, gibt es noch genügend Nachschub. Das stellt Archive, Bibliotheken und Museen vor ein Problem: immer wieder mit (oft anonymen) Spenden des Buches konfrontiert zu werden, für die kein weiterer Bedarf besteht, da für die wissenschaftliche Forschung, Dokumentation und Ausstellungen benötigte Ausgaben hinreichend vorhanden sind.

Nun kann man diese unerwünschte Literatur nicht einfach in den Handel geben, da die Verbreitung dieser und anderer propagandistischer Literatur – wenn nicht verboten – doch aus moralischer Sicht problematisch ist. (Immerhin sind diese Institutionen der Bildung und nicht der Volksverhetzung verbunden.)

Da eine Buchverbrennung aus historischen (und aus praktischen) Gründen nicht in Frage kam, wurde als Methode der Wahl die ‚Verwässerung‘ gewählt. Binnen weniger Stunden zerfiel das Buch in seine Bestandteile und schwamm in einer braunen Brühe (vgl. Fotos).

Der Freistaat Bayern, der den Nachlass und damit die Urheberrechte Hitlers verwaltet, ist in Besitz der Nutzungsrechte an „Mein Kampf“, die 60 Jahre nach dem Tod des Autoren, also Ende diesen Jahres auslaufen. Dann wird eine kritische, kommentierte Neuausgabe unter Leitung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte erscheinen.

B. Alexander