Eine Bretterbude auf dem Heumarkt...

Bild der 46. Woche - 16. November bis 22. November 2015

Gerrit Adriansz. Berckheyde, Quacksalber vor Sankt Maria im Kapitol in Köln, letztes Viertel des 17. Jhs. Öl auf Holz, 46 x 60 cm, Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Inv.-Nr. HM 1929/20

Gerrit Adriansz. Berckheyde, Sankt Kunibert, letztes Viertel des 17. Jhs., Öl auf Leinwand, Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Inv.-Nr. HM 1925/805.

…hätten die Direktoren der Wandertruppen im 18. Jh. aufgeschlagen. Das berichtet Johann Jakob Merlo jedenfalls [Vgl. J. J. Merlo – Zur Geschichte des Kölner Theaters im 18. U. 19. Jhs., in: AHVN, 50. H., Köln 1890, S. 145-219, hier S. 147].

Der Kölner an sich hätt vill Hätz, liebt Karneval und Krätzcher und ist immer für ein Divertissementchen zu haben.
Das war bereits vor der Erfindung des romantischen Karnevals im Jahr 1823 so und auch im opulenten Barock wie im galanten Rokoko wusste man Feste zu feiern.
Auch die Tatsache, dass Köln damals wie heute über kein gebrauchsfertiges Theater verfügte, ließ den weltoffen gesonnenen Rat nicht verdrießen; er gewährte Migranten gern auch wiederholt zeitweilige Bleibe in mitgebrachten oder eilends angefertigten Bretterbuden, gern auf dem weitläufigen Heumarkt platziert.

Dort konnten die Kölner beiderlei Geschlechts ihren Horizont erweitern und dem Treiben von Gauklern und Seiltänzern (anno 1700), „Comedianten, Courtisanen und Operisten“ (oh là là: ao. 1701) wie auch Seil- und Schwerttänzern (1702) und endlich auch dem Spektakel eines veritablen Affentheaters (1706) beiwohnen und das mit Wohlwollen und Einverständnis eines hochweisen Rats der Stadt Köln.

Nicht immer entsprachen die Vorstellungen dem Geschmack des Publikums, wie im Jahr 1713, als „die hiesigen Studenten an den auf dem Heumarkt erbauten Spiehl oder Kaukelhütten grosse Insolentias üben, und durch Werfung mit Steinen jedermann unleydentlich incomodiren thäten“ [Martin Jacob – Kölner Theater im 18. Jahrhundert, Emsdetten, 1938, S.14].
Bemerkenswert scheint an diesem Zwischenfall zweierlei – es gab in Köln bereits vor 1968 Studentenrevolten und das Pflaster war schon damals marode verlegt, oder wo hatten sie sonst die Steine her?

Generell war die Reaktion der hiesigen Obrigkeit, die temporären „Buinen“ abzureißen und Vorstellungen in einem Saal des Gürzenichs am Quatermarkt zu gestatten.
Jedenfalls hinderte der Mangel an adäquaten Spielstätten die Schausteller nicht, in großer Varietät das heilige Köln heimzusuchen und mit Hanswurst, Marionetten- und Lotteriespiel den Alltag der besseren und niederen Bevölkerung aufzuheitern.

Im Juni 1724 kam mit dem Arzt Johann Christian Hübel und seiner Truppe eine Attraktion bisher ungesehener Art nach Köln: „mit 5 Kutschen (darunter 2 sehr prächtig), hatte bei sich 50 Pers., darunter Frauen und Kinder, eine Zwergin, 2 Heiducken, 2 Trompeter, und versch. gute Musikanten… auch 18 Pferde und 2 Kamele“ [Ibid., S. 20].

Hui, e Knuuzenbüggelche [=Kleine, verwachsene Person] in Kölle, das hatte man bisher noch nicht gesehen und mögliche Hofzwerge in Brühl verweilten vorzugsweise auch innerhalb der Parkanlagen von Augustusburg und Falkenlust, wohlverborgen vor Kölner Studentenhorden und anderem Plebs und Pöbel.

Extraordinaire muss man sich die Anwesenheit der Kamele denken: natürlich hatten die Kölner schon im finsteren Mittelalter einen veritablen Löwen gesehen (1262: Löwe vs. Bürgermeister Gryn) und auch Hermann von Weinsberg notiert für den 10. Oktober 1563 einen Elefanten auf dem Thurnmarkt: „… es hat lange Zähne und langen Schnabel, ganz wie man es malt, ist aber mausfarben, nicht schwarz, kahl, war so hoch als ein Mann sich recken konnte, in der Mitte so dick wie zwei Pferde…“ [Johann Jakob Hässlin / Gunther Nogge – Der Kölner Zoo, Köln 1985, S. 41].
Auch wenn gelegentlich Exoten nach Köln ein- und wieder ausgeführt wurden, waren doch Kamele und selbst ein mageres Dromedar allemal einen Besuch des Heumarkts wert, zumal der Zoo noch in weiter Ferne (Riehl) und Zukunft (1860) lag.

Wie im Rest des Reichs wandelte sich auch in Köln das Angebot von Schaustellerei zu Schauspielerei. 1757 gelangte z. B. „Der Ruhmredige“ (Le Glorieux) des französischen Lustspieldichters Philippe Néricault Destouches (1680-1754) zur Aufführung [s. u. Switalski S.79]. Es handelt von einem armen, adligen Angeber, der, zur Bescheidenheit bekehrt, endlich eine Bürgerliche ehelicht und elementare Weisheiten enthält wie „chassez le naturel, il revient au galop“. (Man mag die Natur mit der Hacke vertreiben, dennoch wird sie zurückkehren.)

Wir wissen nicht, welches Stück in der Bretterbude am Heumarkt gegeben wurde, als im Januar 1760 der Chevalier de Seingault, bekannt auch als (Giacomo) Casanova, seine Loge betrat und alsbald noch mehr als vom dramatischen Geschehen, vom Liebreiz Maria Ursula Colomba von Grootes entrückt wird. Die Schöne, bedauerlicherweise verheiratet mit einem der Kölner Bürgermeister, was den Kavalier nicht davon abhält, seine amour fou mit 12 Töpfen florentinischer Pomade zu befeuern, bis sie einwilligt und ihm geheime Treffen in der heimischen Hauskapelle avisiert und in Folge auch gewährt. Aber das ist eine andere Geschichte… (Hier)

Dem Heumarkt widmet Ende 2016 das Kölnische Stadtmuseum in Zusammenarbeit mit dem Römisch-Germanischen Museum die dritte Ausstellung der Reihe „Drunter und Drüber“.

B. Alexander