Frühling, Sommer, Herbst und Winter

Bild der 12. Woche - 21. März bis 27. März 2016

Sockelfragment mit Personifikationen von Frühling, Sommer und Herbst
Köln oder Brauweiler, um 1160–1180. Kalkstein mit Fassungsresten, Inv. Nr. K199 (Foto: RBA / Marion Mennicken)

Ms. lat. fol. 61 (Codex Pighianus), fol. 236, Frühling (links), Winter (rechts). Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz

Ms. lat. fol. 61 (Codex Pighianus), fol. 237, Herbst (links), Sommer (rechts). Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz

„AVSTER“ (auster, lat.: Südwind) ist in der Mitte des Kalksteinblocks zu lesen. In vertikal gesetzten Großbuchstaben begleitet die Inschrift zwei Figuren auf einem hochrechteckigen Relieffeld. Der Südwind ist zweifelsohne die geflügelte Figur oben, die aus einer Wolkenzone herabfährt und mit aufgeblasenen Wangen den warmen Wind verströmt. Doch wer ist die stehende Figur darunter? Wer sind die anderen auf den seitlichen Feldern?

Links sitzt ein Mann in kurzem Mantel auf einem mit Blattwerk verzierten Sessel. Auf seinem linken Arm hält er einen Vogel, auf dem Oberschenkel ein Vogelnest. Am linken Rand zeigt sich in einem weiteren Feld noch eine stehende Figur mit einem liegenden Fass (nicht im Bild). Rechts steht ein Mann in kurzärmeliger Tunika, Beinlingen und Schuhen, doch der schlechte Erhaltungszustand macht eine Identifizierung unmöglich. Glücklicherweise haben sich im „Codex Pighianus“, einer Handschrift der Staatsbibliothek Berlin, zwei Zeichnungen erhalten (ms lat. fol. 61, fol. 236v und 237r), die das Relief aus dem Museum Schnütgen vor der Beschädigung zeigen (s. Abbildungen rechts).

Der Stehende rechts ist ein Sämann mit einem Beutel oder einem Kasten vor dem Bauch, aus dem er das Saatgut nimmt und mit seiner Rechten ausstreut. Auf dem verlorenen hinteren Teil des Sockels folgte eine Gestalt mit einer Hacke, über der wieder die Darstellung eines Windes erscheint: „SVBSOLANUS“ (lat.: Ostwind). Die beiden Figuren bestellen also die Felder und sind damit Sinnbilder für den Frühling. Aus der Zeichnung wird klar, dass die anschließende Figur einen Fiedler darstellt, dessen Linke den Hals des Instruments fasst. Mit der Rechten hielt er den Bogen, der Corpus liegt auf seiner linken Schulter. Die große Sitzfigur in der Mitte ist ein Vogelfänger. Beide Figuren stehen für den Sommer, in dem der Südwind „AVSTER“ die Gefühlswelt anregt (Musik) und die Natur wachsen lässt (Jungvögel).

Nach links folgten zwei Figuren, die dem Herbst symbolisieren. Ein junger Mann steht in einer Bütte und stampft Trauben, in Händen hält er einen Korb mit Trauben und eine Rebe. Keltern ist eine typische Arbeit für den Herbst – „AVTVNUS“ seht auch auf der Bütte. Was die zweite Herbstfigur mit dem liegenden Fass macht, ist nicht klar. Der Windgott darüber jedenfalls gießt Wasser aus einem Gefäß – es regnet. Die fehlenden beiden Figuren rechts neben den Frühlingsbauern stellen einen sitzenden Mann in langem Gewand und Mantel dar, der eine Schale hält. Neben ihm schürt eine kniende Frau mit einem Blasebalg ein Feuer, und „AQVILO“ (lat.: Nordnordostwind) stürmt von oben heran.

Es handelt sich also um die Darstellung der vier Jahreszeiten mit typischen Monatsarbeiten, die mit vier Winddarstellungen verbunden waren. Nun geben die Zeichnungen nur die Relieffiguren wieder, nicht aber den Rahmen. Es muss sich bei dem Werk um einen achtseitigen Block gehandelt haben muss, der im Uhrzeigersinn zu lesen war. Die Figuren stehen in Nischenmulden, die voneinander scharf abgetrennt sind. Ob und unten verläuft eine achteckige Platte und gibt dem ganzen Block einen Halt. Auf der Oberseite sind Bohrlöcher angebracht – der Reliefblock diente also als Sockel für eine Montage.

Es ist zu vermuten, dass es sich dabei um ein Kreuz, einen Leuchter oder – am wahrscheinlichsten – ein Lesepult handelte. Dann würde vom Pult aus das Wort Gottes im Jahresverlauf in alle vier Himmelsrichtungen verkündet. Auf jeden Fall ist ein Gebrauch im kirchlichen Kontext anzunehmen, was sich auch aus Entstehungszeit ergibt. Das Werk dürfte um 1160-1180 geschaffen worden sein, vielleicht von einer Werkstatt, die auch in der Abtei Brauweiler tätig war.

Der als „Codex Pighianus“ bekannte Band gehörte einst Stephanus Vinandus Pighius. Als Steven Wyntgens (oder: Wintgens, Wynkens) in Kampen (NL) geboren, nannte sich der Theologe, Humanist und Antiquar später nach seinem Onkel, dem Theologen Albert Pigge, und latinisierte den Namen. Die lateinische Namensform ist programmatisch, denn Pighius begeisterte sich für die Antike. Sein Codex besteht zum überwiegenden Teil aus Zeichnungen nach römischen Artefakten. Den Jahreszeitensockel dürfte er zwischen 1555 und 1579 im Haus des Kölner Altertumskenners und -sammlers Johannes Helmann gesehen haben. Schon damals war der Block nicht gut erhalten – vielleicht war es ein Bodenfund. Das würde die irrige Annahme, er stamme aus der Antike, erklären.

Ein Teil der Sammlung Helmann kam über Umwege im 19. Jahrhundert in den Besitz von Ferdinand Franz Wallraf und von dort 1932 in das Museum Schnütgen. Dabei war vermutlich auch der Sockel, der im Laufe der Jahrhunderte seine zweite Hälfte verlor und weiter beschädigt wurde. So auch der Sämann, so dass sich der Frühling nur bei genauem Hinsehen zeigt – eine Parallele zur derzeitigen Wetterlage.

M. Hamann