Der Erste Schultag

Bild der 35. Woche - 29. August bis 4. September 2016

Chargesheimer (eigentlich: Karl Heinz Hargesheimer): Der Erste Schultag. Aus dem Projekt „Unter Krahnenbäumen“, vor 1958. Negativ, Fotografie, Silbergelatine, 5,5 x 8,6 cm, Inv.- CCH 024/07 (Foto: RBA)

Letzte Woche NRW, diese Woche Berlin, Brandenburg und MVP - nur die Süddeutschen hat er noch nicht ereilt, der erste Schultag. Dann heißt es wieder: früh aufstehen, in die Schule trotten oder fahren, lernen, zuhören, rechnen, schreiben, lesen. So wie das allen Grundschulkindern in Europa seit Jahrzehnten geht. Aber zwischen den I-Dötzchen des Jahres 2016 und jenen, die Chargesheimer hier im Bild festgehalten hat, gibt es elementare Unterschiede.

Die Aufnahme ist vor 1957 entstanden, jenem Jahr, in dem der Kölner Fotograf seinen Bildband „Unter Krahnenbäumen“ veröffentlichte. Der schmale Band, versehen mit einem Nachwort des in Köln lebenden Schriftstellers Heinrich Böll, konzentriert sich auf einen Straßenzug im Kunibertsviertel. Mit ihren abgeblätterten Fassaden und Baulücken ist die Straße damals kein Vorzeige-Köln des Wiederaufbaus und weit von jeglicher Gentrifizierung entfernt, die heute auch das Kunibertsviertel in Besitz zu nehmen droht. Chargesheimer zeigt in seinen eindringlich dichten Fotografien – schon mehrfach wurden seine Bilder hier vorgestellt – die Straße und das dort auf den gepflasterten Straßen tobende, pralle Leben in all seinen Facetten.

Böll beschreibt es in seinem Text: "Straßen wie diese bilden sich nicht mehr neu; wie alles, was heidnische Züge hat, sind sie an uralte Konventionen gebunden … sie sind nicht zu verpflanzen, ihr Geist geht unter mit dem Ort, an dem sie lagen; zum Glück haben einige von ihnen das Bombardement überdauert, die leeren Fensterhöhlen sind wieder mit Glas und Gardinen, mit Blumen gefüllt, Frauen mit Säuglingen auf dem Arm stehen wieder in den Türen … Diese Straßen können nur als Ganzes leben, nicht in Partikeln, sie sind wie Pflanzenkolonien, die sich aus geheimen Wurzeln nähren". Der Bau der Turiner Straße hat "Unter Krahnenbäumen" geteilt, damit die einstige Lebensader durchschnitten und das Veedel vom Eigelstein getrennt. Erhalten haben sich Chargesheimers Aufnahmen und lassen diese verschwundene Seite Kölns wieder aufscheinen.

Die Kamera nimmt zwei Mädchen in der Bildmitte in den Fokus. Sie scheinen die Kamera nicht zu bemerken, sind beschäftigt mit dem ledernen Ranzen, der auf der Schulbank liegt. Auf fast allen Bänken liegt dieser Ranzen – keine Rucksäcke, keine Tornister aus Plastik, keine grellen Farben. Die kleinen Mädchen tragen alle Kleider, weiße kurze Söckchen und feste Schuhe. Ihre Haare sind mit Spangen festgesteckt oder zurückgehalten, zu Zöpfen geflochten oder Pferdeschwänzen gebunden. Sie sehen ordentlich aus, aber nicht herausgeputzt für den großen Tag. Die Schultüten sind verschwunden, der Unterricht naht. Manche lassen sich noch von der Linse des Fotografen ablenken und blicken in Richtung der Kamera, manche sind noch müde und gähnen, doch viele schauen bereits nach vorn, wo die Lehrerin zu erwarten ist, die gleich die Regie übernehmen wird. Die Mütter, die außerhalb der Schule den Ton angeben, sind im Hintergrund. Entlang der Fenster aufgereiht, in leichten Übergangsmänteln, stehen sie und reden vereinzelt miteinander, viele scheinen jedoch die Kamera zu suchen. Der Fotograf lässt sie am Rande liegen. Chargesheimer braucht sie als Zeugen des Geschehens, nicht als Handelnde. Ihm geht es um die Kinder und die Summe ihres Tuns, zwischen kindlich wirkender Versenkung in den Gurt des Ranzens und dem Ernst des Lebens, der bald anbricht.

Die Mädchen aus diesem Bild sind heute im Rentenalter, haben die Höhen und Tiefen ihres Viertels und ihrer Heimatstadt erlebt, ein Leben geführt, das vielleicht voll von Arbeit und Familie war, wie das ihrer Mütter. Böll hat es in seinem Text "Straßen wie diese" beschrieben: "… in diesen Straßen wird man kein Backfisch; und ich ging immer noch zur Schule, da brachten diese jungen Frauen schon ihre Erstgeborenen mit frisch geschnittenem Haar, sauber gebürstet, mit nagelneuem Ranzen und der prallen Tüte ans Schultor; weinend taten sie es, sie wussten, dass geschriebene Gesetze anfingen, wirksam zu werden, denn die Träne ist der Preis für den Genuss und die Erkenntnis der Vergänglichkeit".

M. Hamann