Pilgerfahrt von Frauen zum Benzaiten-Schrein auf der Insel Enoshima

Bild der 39. Woche - 26. September bis 2. Oktober 2016

Hiroshige Utagawa: Pilgerfahrt von Frauen zum Benzaiten-Schrein auf der Insel Enoshima, ca. 1840er oder 1850er Jahre. Farbholzschnitt als Triptychon, Inv.Nr. R 58 (Foto: RBA)

In der Edo-Zeit (1603-1867) war es den Bewohnern Japans unter der Herrschaft des Tokugawa-Shogunats verboten, Reisen ins Ausland zu unternehmen. Dennoch waren Reisen innerhalb des Landes aus verschiedenen Anlässen sehr beliebt. Viele der populären und von der Hauptstadt Edo (heutiges Tokyo) aus gut zu erreichenden Reiseziele wurden von Künstlern auf Holzschnitten dargestellt. Sie vermitteln dem Betrachter einen kunstvollen und lebendigen Eindruck der Reisewege zu Land und zu Wasser, der üblichen Transportmittel sowie der unterschiedlichen Gruppen von Reisenden.

Vor allem religiöser Natur waren die Wallfahrten zu den zahlreichen Heiligtümern und Schreinen, die meist in einer landschaftlich reizvollen Umgebung liegen. Ein beliebtes Wallfahrtsziel war der Schrein der Göttin Benzaiten auf der Halbinsel Enoshima. Benzaiten (kurz: Benten), stammt ursprünglich aus Indien, wo sie unter dem Namen Sarasvati verehrt wird. In Japan gehört sie zur Gruppe der sieben Glücksgötter und gilt als Göttin der Weisheit und Redegewandtheit sowie als Schutzgottheit der Musiker und Sänger. Sie wird in Form einer jungen Frau mit einer Biwa-Laute im Arm dargestellt.

Enoshima liegt in der Nähe der damaligen Hauptstadt Edo in einer landschaftlich reizvollen Umgebung mit Blick auf den Berg Fuji. Nur bei Ebbe ist die Halbinsel vom Festland aus zu Fuß erreichbar. Alle sechs Jahre bescherte der Schrein der Halbinsel große Besucherzahlen.

Einen solchen Pilgeransturm schildert der dreiteilige Mehrfarben-Holzschnitt des bekannten Holzschnittkünstlers Hiroshige Utagawa sehr anschaulich und detailgetreu:

Im Vordergrund sehen wir vier Gruppen von Musikerinnen, die sich vom Festland aus über die schmale Landzunge in Richtung des Heiligtums bewegen. Damit keine Dame in dem großen Trubel den Anschluss an die eigene Gruppe verliert, unterscheidet sich jede „Reisegruppe“ durch unterschiedliche Wappen auf den aufgespannten Sonnenschirmen und die Gestaltung der Kimonos. In die heutige Zeit übertragen fühlt man sich unweigerlich an die einheitlichen Kappen und Fähnchen ostasiatischer Reisegruppen erinnert.

Wer den wunderschönen Hiroshige-Holzschnitt im Original bestaunen möchte, kann dies Ende September in der Japan-Galerie des Museums für Ostasiatische Kunst tun. Und wer noch tiefer in das Thema der Pilgerreise im Kulturvergleich einsteigen möchte, dem sei ab Oktober der Besuch der Sonderausstellung „Pilgern“ im Rautenstrauch-Joest-Museum (08.10.16-09.04.17) empfohlen.

C. Stegmann-Rennert