Aelbert Cuyp mal zwei. Bührle trifft Wallraf

Bild der 41. Woche - 10. Oktober bis 16. Oktober 2016

Aelbert Cuyp: Fischerboote im Mondschein, um 1645. Öl auf Eichenholz, 76,5 x 106,5 cm (Foto: RBA)

Aelbert Cuyp: Gewitter über Dordrecht, um 1645. Öl auf Eichenholz, 76,5 x 106,5 cm. Stiftung Sammlung E.G. Bührle, Zürich (Foto: SIK-ISEA, J. P. Kuhn)

Diese beiden Landschaften sind ein Paar. Im Gegenüber hat der Maler Aelbert Cuyp Hafen und Stadtsilhouette seiner Heimatstadt Dordrecht auf zwei formatgleiche Tafeln gebannt. Nach mehr als 200 Jahren, in denen sie in getrennten Besitzerhänden bewahrt sind, sind die Gemälde nun erstmals wiedervereint. Zu sehen sind sie in der Ausstellung "Von Dürer bis van Gogh. Bührle trifft Wallraf" - ein Anlass, zu dem die Tafeln neu gerahmt wurden, als Geschenkschleife für die wieder gefundene Zusammengehörigkeit.

Emil Bührle baute in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine der weltweit wichtigsten privaten Sammlungen europäischer Malerei auf. In ihrem Mittelpunkt steht der französische Impressionismus und Nachimpressionismus. Indem Bührle diesen ins Zentrum rückte, folgte er einer um 1950 verbreiteten Bewertung, die in dieser Malerei den Ursprung aller modernen, für die eigene Zeit wichtigen Kunst sah. Namentlich die drei großen Nachimpressionisten Paul Cézanne, Paul Gauguin und Vincent van Gogh galten damals als eigentliche »Väter« der modernen Kunst. Um diesen Schwerpunkt gruppierte Bührle französische Künstler des 19. Jahrhunderts, die den Impressionismus vorbereitet oder ihn begleitet hatten, außerdem Bilder älterer Meister, die dem Impressionismus vergleichbare Stilmittel erkennen lassen.

Was macht Bilderpaare, in der Kunst auch Pendants genannt, eigentlich aus? Als Gegenstücke sind sie aufeinander bezogen. Sie treten in einen Dialog und schärfen unseren Blick – sei es durch ihre Verwandtschaft oder Gegensätzlichkeit. In den Landschaftspendants von Aelbert Cuyp kontrastiert die Stille im Mondschein mit der Gewalt eines Unwetters. Die ruhige Atmosphäre wird im Gegenüber des krachenden Gewitters umso spürbarer, gewissermaßen im Nebeneinander von Laut und Leise. Was die Kompositionen verbindet, ist die niedrig angesetzte Horizontlinie. Sie lässt dem Himmel weiten Raum und gibt dem Naturschauspiel die Bühne.

In beiden Landschaften drängen sich die dunklen Wolkenformationen am oberen Bildrand: Trügt die Stille im Mondschein? Die holländischen Seefahrer wussten, wie schnell das Wetter umschlagen kann. Umgekehrt bricht sich im Gewitterhimmel über Dordrecht stellenweise das Sonnenlicht Bahn. Unbeeindruckt vom nahenden Unwetter weiden dort die Kühe.

Im Gegensatz der Wetterphänomene wird greifbar, dass in beiden Bildern Stille und Naturgewalt präsent sind. Es sind Landschaften, die von der Kraft der Elemente handeln – mit unterschiedlichem Fokus: Hier Erde und Wasser, dort Feuer und Luft. In der Gegenüberstellung nehmen wir wahr, was auf übergeordneter Ebene verbindet.

Es ist nicht ganz zufällig, dass am Anfang des Ausstellungsvorhabens diese beiden Werke aus dem "Goldenen Zeitalter" der holländischen Malerei standen, die in beiden Sammlungen, derjenigen des Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corboud und derjenigen von Emil Bührle, mit wichtigen Beispielen vertreten ist. Ausgehend von der Tatsache, dass Aelbert Cuyps Fischerboote im Mondschein in Köln das Gegenstück zum Gewitter über Dordrecht in Zürich bildet, hielt due Ausstellungskuratorin Barbara Schaefer nach weiteren Werken Ausschau, die sich zu Paaren zusammenführen ließen.

Die Suche war äußerst ergiebig, denn beide Sammlungen sind ähnlich aufgebaut und besitzen vergleichbare Schwerpunkte. Außer der holländischen Malerei finden sich hier wie dort Kunstwerke des Mittelalters, venezianische Meister des Settecento und – ganz besonders ins Gewicht fallend – Werke der französischen Malerei des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere impressionistische und postimpressionistische, die sich auf das Schönste ergänzen und inhaltlich oder motivisch in einen Dialog miteinander treten.

S. Sonntag