Pilgern auf hoher See

Bild der 44. Woche - 31. Oktober bis 6. November 2016

Bootsmodell vaka taurua, Manihiki, Cookinseln, um 1900; Holz, Perlmutt, Pflanzenfasern; L 98 cm (Foto: RBA. Marion Mennicken)

waka unter Segeln (Foto: Tamara Jung-König, 2011)

Marae Tapatuātea auf Ra'iātea (Foto: Tamara Jung-König, 2012)

„Alles wird real. Man sieht Dinge, die man vorher nur aus Erzählungen kannte…“

Diese Erfahrung beschreibt ein Cookinsulaner nach dem Besuch der Stätten seiner Vorfahren. Im Jahre 1995 fuhren acht hochseetüchtige waka (Boote nach historischen Vorbildern) zum Marae Tapatuātea auf Ra'iātea um u. a. die (Wieder-)Aufnahme Aotearoas (Neuseeland) in den Kreis der Pazifikinseln zu feiern. Einer Überlieferung nach war es zu einem Streit zwischen einer Maori-Besatzung und den Bewohnern Ra'iāteas gekommen, weshalb die Maori ein Tabu aussprachen: Die Insel durfte nicht wieder besucht werden. Dieses Tabu wurde bis 1995 als gültig erachtet und prägte für lange Zeit das Verhältnis der Gemeinschaften Polynesiens.

In Französisch-Polynesien werden mit dem Begriff marae (=heilige Orte) nicht nur gemauerte Versammlungsstätten, sondern ebenso Berge, Flusspassagen und Riffe bezeichnet. Als einer der der wichtigsten wird die um etwa 1000 n.u.Z. errichtete Versammlungsstätte an der Ostküste Ra'iāteas betrachtet. Ursprünglich dem Meeresgott Tangaroa geweiht, wurde sie im 16. Jahrhundert dem Kriegsgott Oro gewidmet und zum Sitz der auf der Insel herrschenden Priester. Ihre Riten, Tabus und Prophezeiungen galten für alle Insulaner als Vorschrift und wurden in weiten Teilen Polynesiens gelebt.

Wie viele Pilgerstätten waren marae Zentren spiritueller und weltlicher Macht zugleich. Um dorthin zu gelangen, mussten die Bewohner der Pazifikinseln von ihren Heimatinseln mit hochseetauglichen Booten nach Ra'iātea segeln, eine Tradition mit zentraler Bedeutung für die Polynesier. Nachdem das Wissen um die Konstruktions- und Funktionsweise der waka weitgehend verloren gegangen war - die europäischen Kolonialmächte hatten den Bootstyp im 18. Jahrhundert verdrängt und durch andere ersetzt - rückt es seit einigen letzten Jahrzehnten verstärkt in das Zentrum des öffentlichen Interesses und wird von heutigen Generationen mit wachsender Begeisterung gepflegt.

Dabei geht es um mehr, als um den Vorgang des Bootbauens und Segelns – es geht um eine spirituelle Reise auf den Spuren der Ahnen, die zu den Wurzeln des eigenen Lebens führt. Ohne den Segen der Ahnen, so die Überzeugung, wäre keine Reise erfolgreich. Die Techniken des Bootbauens, der Weg über die See bis Tapatuātea und die dort stattfindenden Zeremonien haben eine viel tiefere Bedeutung - so, wie sie jedem Pilgerweg inne wohnt. Das eigene Dasein wird in den Rahmen eines größeren, über die eigenen Lebensjahre hinausreichenden Rahmen gestellt und erfährt eine Verankerung in der Vergangenheit.

Für viele Polynesier ist die Verbindung zu den Vorfahren ein immanenter Teil der eigenen Kultur. Sie verfolgen ihre Familiengeschichten über die Hochseefahrt und die Boote bis zu ihren Ursprüngen zurück, sodass waka moana einen Teil ihrer Identität ausmacht.

Ra'iātea ist einer von 47 Orten, die in der Ausstellung „Pilgern – Sehnsucht nach Glück?“, die vom 8.10.2016 bis zum 9.4.2017 im Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt zu sehen ist, behandelt wird.

J. Uebing