Stefan Diez und Thonet

Bild der 04. Woche - 23. Januar bis 29. Januar 2017

Stefan Dietz (Entwurf): Stuhl 404, Thonet, 2007; Formsperrholz, Schichtholz (Foto: Copyright: Ingmar Kurth)

Am vergangenen Wochenende ging die imm Cologne, die internationale Einrichtungsmesse in Köln zu Ende. Während auf der rechten Rheinseite jährlich die künftigen Trends der Branche präsentiert werden, begleitet das MAKK dieses publikumsstarke Event stets mit einer Design-Ausstellung. 2017 wird das Museum im besten Sinne vollständig okkupiert von der ersten umfassenden Werkschau des Designers Stefan Diez: Von der großen Halle aus bis unters Dach, die einzelnen Stockwerke verbunden durch eine kühne Regalkonstruktion, werden seine Ideen der letzten 15 Jahre, die verwirklichten und die nicht umgesetzten, gezeigt. Es handelt sich also wortwörtlich um das im Ausstellungstitel benannte „Full House“.

Im MAKK ist im Gegensatz zur imm keine reine Produktpräsentation zu sehen, sondern eine spannungsreiche Auseinandersetzung, welche Ideen und Positionen das Industriedesign heute umtreibt. Zudem eine gelungene Darstellung, wie sich das Zusammenspiel von Industrie und Handwerk in Zeiten digitaler Entwurfs- und Entstehungsprozesse gestaltet. Deutlich wird dieses Zusammenspiel in Stefan Diez' Entwurf für Thonet: Wie gestaltet sich die Entwicklung eines Stuhls für eine Firma, mit einem derart großen historischen Erbe wie die Bugholztradition der Firma Thonet?

1859 hat Michael Thonet mit dem Wiener Caféhausstuhl und seinem bereits seit 1830 erprobten Verfahren, aus verleimten und gebogenen Holzleisten Möbel herzustellen, Weltruhm erlangt: bis 1910 wurden hiervon bereits 50 Millionen verkauft. Fast jede Darstellung der Designgeschichte in Literatur und Museen beginnt mit dem Caféhausstuhl „Stuhl Nr. 14“ als das erste halbindustrielle Massenprodukt.

Stefan Diez vermittelt mit Enthusiasmus, dass hier aber noch was geht: Sein Entwurf wird dem historischen Erbe Thonets gerecht und führt es gleichsam weiter: Die Stuhlbeine und die Halterung für die Rückenlehne sind aus gebogenem Schichtholz gefertigt. So entstehen sechs identisch gebogene Teile, die sternförmig unterhalb der Sitzfläche verleimt werden. Die gebogene Sitzfläche ist mittig dicker, so dass die sechs Teile in eine Vertiefung eingelassen werden können. Eine elegante Lösung, die zugleich für zusätzliche Stabilität sorgt. Durch eine neue, raffinierte Formholztechnik gelang es zudem, die Sitzfläche an ihren Rändern auf bloße 7 mm zulaufen zu lassen.

Das Grundprinzip von Thonet, das Biegen und Formen von Holz, wird mit Diez‘ Entwurf zeitgenössisch interpretiert. Doch so leicht wie der Stuhl in seiner ästhetischen Einfachheit wirkt, ist der Entstehungsprozess mitnichten: „Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass wir, wenn wir einen Stuhl gestalten, 30 Vormodelle bauen. Das geht nicht anders. Was aber den Unterschied ausmacht, sind ein oder zwei Ideen, die alles verändern. Das sind die entscheidenden Schlüsselmomente. In einer Ausstellung muss es darum gehen, diesen einen Schlüsselmoment herauszustellen und den dadurch erzielten Effekt kenntlich zu machen.“, so Stefan Diez in einem Interview.

Vermittelt wird in der Ausstellung vor allem der Enthusiasmus, die Begeisterung, mit der sich Diez der Ideenentwicklung, des Daniel-Düsentrieb-haften Tüftelns mit Material und Herstellungsverfahren widmet.

Die Modelle, Prototypen, fertige Produkte, Serien und Maschinen aus dem Diez-Office, dem Münchner Studio im Glockenbachviertel, sind noch bis zum 11. Juni im Museum für Angewandte Kunst Köln zu sehen.

A. Imig