Uraltes Brauchtum am Decksteiner Weiher

Bild der 14. Woche - 3. April bis 9. April 2017

Fritz Schumacher (Entwurf): Ansicht des Decksteiner Weihers nach Südosten, Aufnahme von 1973 (Foto: Rheinisches Bildarchiv)

Sizdah Bedar 2017 am Decksteiner Weiher (Foto: Autor)

Wer am gestrigen 2. April im Äußeren Grüngürtel spazieren ging und sich dem Decksteiner Weiher näherte, konnte Rauch aus Hunderten von kleinen Grills riechen und Hunderte von iranischen Familien sehen, die sich auf den Wiesen um den Decksteiner Weiher niedergelassen hatten. Wieder einmal hatte der Kölner Grüngürtel seine Bestimmung erfüllt.

Die Anlage des Grüngürtels ist letztlich ein Ergebnis des Versailler Vertrages. Das unterlegene Deutschland musste seine Befestigungsanlagen schleifen, und damit auch die Verteidigungswerke des preußischen Festungsgürtels. Der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer erreichte, dass das Umfeld nach einem Generalbebauungsplan des Hamburger Stadtplaners Fritz Schumacher in Parkanlagen umgewandelt werden durfte. So entstanden die weitläufigen Grünanlagen, zu denen auch der Decksteiner Weiher gehört.

Nach den Plänen Schuhmachers und seiner Nachfolger entstanden auf dem Gebiet des Äußeren Grüngürtels Grünanlagen mit „Sport und Spielwiesen, Schulgärten, Waldschulen, Luftbädern und Blumengärten“ (Kleiner Führer durch Köln, hg. vom Verkehrsamt der Stadt Köln, Köln 1927, S. 83). Der Militärring durchzieht den ganzen Äußeren Grüngürtel; zur Stadt hin liegen kleinteilige Parzellen, Kleingärten und Friedhöfe. Auf der anderen Seite der Straße folgt ein mit Sportflächen und den ehemaligen Festungswerken durchsetzter Waldstreifen, an den sich wiederum offene Wiesen und eingebettete Wasserflächen anschließen: Kalscheurer Weiher, Decksteiner Weiher und Adenauerweiher. Mit dem Erdaushub wurden die umliegenden Hügel aufgeschüttet. Zusammen mit einem neu angepflanzten Waldgürtel bildeten sie eine Schutzzone zur Braunkohle- und Chemieindustrie im anschließenden Vorgebirge. Die Kölner Bevölkerung profitiert noch heute von Adenauers großartige Idee.

Was jedoch gestern unzählige Menschen gleichzeitig nach Deckstein brachte, war nicht nur das schöne Wetter, sondern ein uralter Brauch aus Persien: Sizdah Bedar. Demzufolge verlassen die iranischen Familien ihr Haus oder ihre Wohnung, um in der Öffentlichkeit zu feiern. Das geschieht am dreizehnten (sizdah) Tag des Monats Farvardin, der nach hiesigem Kalender auf den 1. oder 2. April fällt und den letzten Tag des Nouruz bildet, der persischen Neujahrsfeier, die mit dem Feuerfest Tschāhār Schanbeh Surī beginnt. Dem Volksglauben nach ist 13 eine Unglückszahl, böse Geister beherrschen das Haus, und daher geht man lieber ins Freie.

Dieses Fest wird seit 536 v. Chr. gefeiert und gehört zu den zoroastrischen Festen. An diesem Tag wird auch der Engel Tishtrya (Tir) um Regen gebeten. Sein Widersacher ist Angra Mainyu (Ahriman), von dem alle schlechten Gedanken stammen. Daher wird an diesem Tag viel gelacht, gescherzt, Schabernack getrieben, erfundene Geschichten erzählt und sich des Lebens erfreut, denn je größer Frohsinn und die Freude der Menschen, desto schwächer wird das Böse, so die zoroastrische Vorstellung.

Sizdah Bedar hat die islamische Revolution überlebt und wird heute im Iran als Nature Day bezeichnet. Die Menschen gehen an diesem letzten Tag der Neujahrsferien in die freie Natur oder in Parks, um dort zu picknicken und die Sabzeh in einen Fluss oder ins Wasser zu werfen. Sabzeh sind gesprossene Weizensamen, die vor dem Beginn des Norouz angepflanzt wurden. Ledige junge Frauen im heiratsfähigen Alter verknoten an Sizdah Bedar zuweilen Grashalme und wünschen sich dabei einen Ehemann. Einige Leute spielen anderen Streiche und flunkern, was den westlichen Aprilscherzen ähnelt. Mitunter werden auch Goldfische, die man zu Norouz gekauft hat, in die Freiheit entlassen. Ob der Decksteiner Weiher nun neue Bewohner bekommen hat?

M. Hamann