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Affentheater um Gibraltar

Bild der 26. Woche - 26. Juni bis 2. Juli 2017

William Sharp (nach John Trumbull): Der Ausfall der Garnison von Gibraltar am Morgen des 27. November 1781, Kupferstich, 1799, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. 14226 (Foto: RBA)

Gibraltar am 26. November 1781, britische Garnison: Bald Mitternacht. Seit Tagen nichts als Sturm, Regen und schwarze Nächte. Ein Deserteur hat berichtet, dass Englands Feinde einen Angriff planen, auf die einzige britische Enklave auf der iberischen Halbinsel. Frankreich und Spanien machen ihre Flotten klar. Das ist schon fünf Tage her. Der britische General George Elliott ist auf sich allein gestellt. Denn London ist weit weg und blickt gen Westen, wo der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg tobt. Viel steht auf dem Spiel. Fast sieben Quadratkilometer. Da setzt Elliot alles auf eine Karte und befiehlt präventiv den Erstschlag. Die Schlacht dauert bis nach Sonnenaufgang.

Was der Londoner Kupferstecher William Sharp in seinem Werk darstellt – die Vorlage bildet ein Gemäldedes amerikanischen Malers John Trumbull aus dem Jahr 1789 (Metropolitan Museum of Art, New York) – ist nichts anderes als der Ausgang dieser nächtlichen Ereignisse. Denn schon am Morgen des 27. November 1781 sind die franko-spanischen Truppen geschlagen, ihr Oberbefehlshaber, der spanische Offizier Don José de Barboza, ist tödlich getroffen. Zentral und genau in der Mitte des Bildes liegt er besiegt zu Füßen seines britischen Widersachers. Zwar reicht ihm der siegreiche General George Elliott edelmütig die helfende Hand, doch weist der Spanier stolz jede Aussöhnung zurück.

Was in jener Nacht geschah, hielt die Geschichtswissenschaft bislang für eines der bedeutendsten Schlüsselereignisse der Geschichte Gibraltars. Schließlich hatten die Spanier seitdem nie mehr ernsthaft versucht, Gibraltar der britischen Krone zu entreißen. Und die Rückseite der gibraltarischen 10-Pfund-Note ziert derzeit sogar Sharpes Kupferstich.

Heute sind diese Ereignisse gut zweieinhalb Jahrhunderte her, George Elliott und José de Barboza längst tot. Doch wer glaubt, dass der Konflikt nach so langer Zeit beigelegt worden sei, liegt falsch - leider. Schlägt man derzeit nämlich die Zeitung auf, so erscheint die Geste des geschlagenen spanischen Offiziers aktueller denn je: Denn kaum ist der Brexit beschlossen, eskaliert der alte Streit um Gibraltar erneut. Während britische Politiker zu verstehen geben, für die Souveränität der Halbinsel notfalls in den Krieg zu ziehen, lässt Madrid bereits die Muskeln spielen. So kreuzte jüngst das spanische Kriegsschiff Infanta Cristina lediglich eine Seemeile vor der Küste Gibraltars. Die britische Marine schickte ein Patrouillenboot.

Wenngleich der Streit um Gibraltar keineswegs erst gestern entstanden ist, scheint die Situation heute verfahrener denn je: Denn die Spanier wollen Gibraltar zurück. Die Briten wollen es behalten. Die Gibraltarer wollen Briten bleiben, aber auch EU-Bürger. Die Briten aber nicht. Beim EU-Referendum im Jahr 2016 hat Gibraltar zu 95,9 Prozent für einen Verbleib in der Europäischen Union gestimmt, mehr als in jedem anderem Teil des britischen Königreichs. Bei einem vorherigen Referendum allerdings auch zu 99 Prozent dafür, unter britischer Krone zu bleiben. Wie wird für Gibraltar die Zukunft also aussehen? Die Brexit-Verhandlungen werden es zeigen. Brüssel hat Spanien bereits ein Vetorecht für alle gibraltarischen Fragen zugesichert. Vielleicht beginnt man auch deshalb in der Downing Street bereits, die Truppen zu zählen. Und selbst Theresa May stellt klar: Der Status Gibraltars und seiner gut 30.000 Einwohner ist nicht verhandelbar.

Doch wohnen in Gibraltar nicht nur Briten. Bekanntermaßen wird der einzige und damit höchste Berg Gibraltars von einer Kolonie handzahmer Affen bewohnt. Vom Ärger und Streit ihrer vernunftbegabten Artgenossen wollen die Primaten jedoch nichts wissen. Hoch auf ihrem Felsen sitzen oder liegen sie lieber friedlich und faulenzend in der Sonne, darauf spekulierend, dass der ein oder andere Tourist ihnen für ein gemeinsames Selfie schon etwas zu essen herauf bringen wird. Da fragt sich doch, wer tatsächlich die Bezeichnung sapiens (lat.: vernünftig/weise) verdient!?

D. Sasse