Franz Kremer: Gründer, Vereinsikone und Traditionalist. Zur Saisoneröffnung des 1. FC Köln

Bild der 32. Woche - 7. August bis 13. August 2017

Tisa von der Schulenburg: Reliefplatte zum Gedenken an Franz Kremer, Bronze, vor 1972 (Foto: Petruz, 2016)

Elisabeth (Tisa) von der Schulenburg hatte bewegte Jahre hinter sich, als sie 1950 mit 46 Jahren in das Dorstener Kloster St. Ursula eintrat. Sie war vor den Nationalsozialisten nach Großbritannien geflohen, als Vorstand einer Künstlergruppe im Widerstand tätig und kehrte doch 1939 nach Hitler-Deutschland zurück. Denn ihr Vater Friedrich Graf von der Schulenburg, General der Wehrmacht, lag im Sterben. Zum Begräbnis des Nationalsozialisten erschien Adolf Hitler persönlich. Zurückreisen ins verfeindete Königreich durfte sie nicht. Die Kriegszeit überlebte sie in Norddeutschland.

Kunst und Bildhauerei begleiteten Tisa ihr Leben lang. Ab 1962 widmet sich "Schwester Paula" nur noch ihrer Leidenschaft und schuf unzählige Reliefs und Plastiken. Zumeist widmete von der Schulenburg ihre Kunst den Arbeitern, Arbeitslosen und Verfolgten. Für ihr Lebenswerk wurde die "heilige Barbara des Ruhrgebiets" mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Eines ihrer Werke in Köln hat mit Sport zu tun. Das Denkmal für Franz Kremer, 1977 von dem Vorstand des 1. FC Köln gestiftet, erzählt uns die Geschichte einer Kölner Ikone.

Der Vorsitzende des Kölner Ballspiel-Clubs (KBC) Franz Kremer, träumte davon, einen Kölner Fußball Verein in der neugegründeten Oberliga West zu etablieren. Ihm war bewusst, dass sein gutbürgerlicher KBC dies nicht alleine schaffen könnte. Nach erfolglosen Verhandlungen mit der Spielvereinigung Union Köln richtete sich Kremers Blick auf die Spielvereinigung Sülz 07. Ein traditioneller Rivale, ein Arbeiterverein. Aufkommenden Zweifeln an der Fusion begegnete Kremer selbstbewusst und fragte: "Wollte ihr mit mir Deutscher Meister werden?" Den Vorsitz des neuen Vereins übernahm der "Boss" 1948 persönlich und schuf eine Marke: 1. FC Köln. Kremer krempelte die Kölner Fußballlandschaft um, etablierte professionelle Strukturen und errichtete bis 1953 im Grüngürtel Trainingsanlage und Geißbockheim - das neue Herz des Vereins.

Das Fußballgeschäft war in den 1950ern ein anderes als heute. Fußballer arbeiteten nach ihrer Karriere in ihren eigenen Tankstellen und Tabakläden, und der europäische Fußballverband UEFA veranstaltete den Messestädte-Pokal. In den ersten Austragungen war der Pokal Begleitprogramm europäischer Messen und zog sich über drei Jahre. Während heute in der Europa League, Nachfolger des Messepokals, Vereine Millionen verdienen, trat 1960/61 noch eine Kölner Stadtmannschaft, Köln XI, an. Eine Saison später setzte sich Kremer durch, und sein 1. FC Köln spielte international. Im September 1961 überrannte ein furioser FC vor 31.000 Zuschauern Inter Mailand und siegte mit 4:2. Damit begann die internationale Erfolgsgeschichte des Vereins, die 1986 im UEFA-Pokalfinale gegen Real Madrid gipfelte.

Sein vorerst letztes internationales Spiel erlebte der Verein im UEFA Intertoto-Cup 1997 in Montpellier. Heute, zwanzig Jahre später, spielt der 1. FC Köln wieder in Europa und startet in dieser Spielzeit in der Europa League. Franz Kremers Erbe ist immer noch spürbar: Das Geißbockheim liegt unweit des Franz-Kremer-Stadions. Am Stadion befindet sich auch das Denkmal von Tisa von der Schulenburg. Fußballromantiker können sich bis heute mit der bekanntesten Aussage von Franz Kremer identifizieren: „Tradition hat nur dann einen Sinn, wenn der Wille zu noch größeren Taten vorhanden ist.“ Mal sehen, wie das in dieser Spielzeit ist. Bei der gestrigen Saisoneröffnung am Stadion jedenfalls war die Stimmung entsprechend optimistisch.

L. Klünemann