Der gefesselte Prometheus

Bild der 40. Woche - 2. Oktober bis 8. Oktober 2017

Jacob Jordaens: Der gefesselte Prometheus, um 1640. Öl auf Leinwand, 245 x 178 cm. Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv.-Nr. WRM 1044 (Foto: RBA)

Der Adler – heute Sinnbild der Demokratie – zerfleischt den Gründer der Zivilisation. So könnte man das um 1640 entstandene Bild „Der gefesselte Prometheus“ von Jacob Jordaens aus aktueller Perspektive deuten. Das Motiv ist eines von zeitloser Aktualität: Ein Wohltäter muss für seine Zuneigung den Menschen gegenüber bitter bezahlen.

Prometheus, eine Figur aus der griechischen Mythologie, betrügt Zeus um das essbare Fleisch eines Opfertiers und gibt es den Menschen zurück. Zeus reagiert erbost, verbietet den Menschen fortan den Besitz des Feuers. Doch wieder greift Prometheus ein und bringt den Menschen durch eine List das Feuer zurück. Himmelsherrscher Zeus – wutentbrannt – lässt den Menschenhelfer daraufhin an einen Felsen in der Einöde des Kaukasusgebirges schmieden. Ein ewiger Fluch liegt auf dem Verbannten: Immer wieder taucht ein Adler auf und frisst von Prometheus‘ Leber, die sich jedoch immer wieder erneuert. Erst nach langer Zeit des Leidens wird Prometheus von seiner Pein erlöst, als Herakles den Adler tötet und Zeus ihn schließlich begnadigt.

Durch sein menschenliebendes Verhalten und als Bringer des Feuers gilt Prometheus, dessen Name übrigens „der Vordenker“ bedeutet, als Begründer der Zivilisation. Schon in der Antike war die Erzählung ein beliebter literarischer Stoff. Seit jeher kursieren viele verschiedene Versionen der Geschichte: In einer Variante war Prometheus auch an der Schaffung der ersten Menschen aus Lehm beteiligt, wobei ihm allerdings Fehler unterliefen, die zu den Unzulänglichkeiten der Menschen führten. Auch der Charakter des Prometheus wird unterschiedlich dargestellt: Mal ist er ein heroischer Beschützer, mal ein hinterlistiger Betrüger. Die Menschen konstruierten ihre Wirklichkeit.

Das Bild entstand um 1640 in der Blütezeit der flämischen Malerei, mit ihrem beispiellosen künstlerischen Output. Jacob Jordaens besuchte zwar nie die Kulturhauptstädte der Zeit wie Mailand oder Madrid, und galt seinen Zeitgenossen als ungebildet, dennoch war er einer der wichtigsten Historienmaler es 17. Jahrhunderts. Seine Inszenierung der Prometheus-Sage orientiert sich am namensgleichen Werk von Peter Paul Rubens aus dem Jahre 1612. Einziger Unterschied: Jordaens nimmt den Götterboten Hermes mit in sein Werk auf, dem unter anderem die Aufgabe zugeschrieben wurde, die Seelen der Verstorbenen in den Hades zu überführen. Auch scheint Prometheus in eine dunkle Schlucht hinab zu stürzen – sein zum Schrei verzerrtes Gesicht lässt erahnen, dass er den Hades bereits vor sich sieht. Jordaens wählt hier also eine deutlich dramatischere Darstellung, die durch die bildbeherrschende Größe des Adlers verstärkt wird.

R. Deus