Wild und frei

Bild der 42. Woche - 16. Oktober bis 22. Oktober 2017

Arnold Böcklin: Überfall von Seeräubern (Heroische Landschaft), 1886, Öl auf Mahagoniholz, 153 x 232 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, Inv.-Nr. WRM 1143, Zugang 1904 (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d018650)

Pirate – wild und frei?

Ob Klaus Störtebecker, Blackbeard, Jack Sparrow oder Long John Silver – Piraten faszinieren uns schon seit Ewigkeiten. Wir drehen Filme (Fluch der Karibik), schreiben Bücher (Die Schatzinsel) und singen Lieder (Kasalla – Pirate) über sie. Die Legenden erzählen von großen Abenteuern, gefährlichen Seeschlachten, geheimen Goldschätzen und wilden Gelagen. Unsere Faszination lässt sich bereits seit Jahrhunderten zurückverfolgen. Damals weniger in Filmen oder Popsongs, sondern in Kunst und Literatur. Kein Wunder also, dass auch der Drama-liebende Arnold Böcklin den Piraten-Mythos in einem seiner Bilder verarbeiten wollte.

Drama und Fiktion

Als „Überfall von Seeräubern (heroische Landschaft)“ betiltet Böcklin sein 1886 entstandenes Gemälde. Drei Ruderbote winden sich im aufgewühlten Meer vor einer hoch auftürmenden Felseninsel, die durch eine monumentale Steinbrücke mit dem Festland verbunden ist: auf der Insel steinerne Behausungen im antik-italienischem Stil, ein hoher Turm in der Mitte. Wohlhabend und gut befestigt ist der Eindruck, den man von der Insel gewinnt. Umso halsbrecherischer erscheinen die Piraten, die ohne Anlegestelle die Insel über steile Klippen betreten, während ihre Boote im Sturm hin und her geschleudert werden. Der Betrachter wird in das Bild quasi hineingeworfen, die Kulisse wirkt unwirklich, geradezu bedrohlich, wie ein Ausschnitt aus einem Film oder dem Theater, bei dem nicht ganz klar ist, wie der Betrachter eigentlich in die Szene einzuordnen ist.

Ort und Moment sind fiktiv – doch sie zeigen genau das, was uns fasziniert. Es ist der Zwiespalt zwischen offensichtlicher Gefahr, dem Unrecht, der Gewalt und dem Reiz des Verbotenem, des Abenteuers und der absoluten Freiheit, das zu tun, was man auch immer wollte.

Geschichte der Außenseiter

Piraten treiben bereits in der Antike ihr Unwesen. Sie tauchen bei Homer auf und halten jahrelang die römische Republik in Atem. Spätestens seit der Entdeckung der „Neuen Welt“ sind Piraten gleichermaßen Störenfriede und Instrument der Seemächte. Denn Piraten, wie Francis Drake, wurden oftmals für den Kampf um die Vormachtstellung auf See benutzt. Drake, zum Beispiel, wurde von der britischen Krone eingesetzt, um portugiesische und spanische Schiffe zu überfallen. Mit einem offiziellem „Freibeuterbrief“ ausgestattet, konnten sich die Piraten zumindest vor der Verfolgung aus eigenen Reihen schützen und waren somit teilweise geduldet.

Spielfigur vs. Schatzsucher

Doch das alltägliche Leben der Piraten war alles andere als glamourös. Die Piraten mussten den Anweisungen ihrer potenziellen Schirmherren folgen, ihr Schiff instand halten und mit Mangelernährung zurechtkommen. Viele Piraten bekamen Skorbut oder verfielen dem Alkoholismus. Sie waren Spielfiguren in den Machtspielchen von Großbritannien, Spanien, Frankreich, Portugal und den Niederlanden. Die Briten verfolgten nach den erfolgreichen Seekriegen des 18. Und 19. Jahrhundert die restlichen Piraten und löschten sie gnadenlos aus. In ihrem geordneten Empire war für sie kein Platz mehr. Die klassische Piraterie war damit beendet. Doch die gesamte Zeit über blieben große Reichtümer und romantische Lagerfeuer auf traumhaften Karibikinseln aus – sie sind Produkte unserer Fantasie. Man könnte fast meinen: Schade. Aber uns bleiben die Geschichten. Und der nächste Teil „Pirates of the Carribean“ lässt bestimmt auch nicht lange auf sich warten.

B. Lambertz