Stars der Theaterbühne

Bild der 11. Woche - 12. März bis 18. März 2018

Tôshûsai Sharaku: Kopfporträts zweier Schauspieler aus dem Stück: Eine Kompilation von Rachegeschichten. Farbholzschnitt, 36,5 x 24,0 cm, Japan, 1794, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, R 78,1/OS (Foto RBA)

Mehr als die Hälfte der im achtzehnten Jahrhundert in Japan erschienenen Farbholzdrucke thematisieren Schauspieler des populären Kabuki-Theaters, meist in ihren charakteristischen Rollen und Posen (mie). Kabuki als neue bürgerliche Theaterform hatte sich bereits im siebzehnten Jahrhundert aus unterschiedlichen Darbietungsformen zu einem bei der städtischen Bevölkerung äußerst populären Gesamtkunstwerk aus Theater, Gesang und Tanz entwickelt. Die Behörden bemühten sich immer wieder diese neue bürgerliche Theaterform durch zahlreiche Maßnahmen, wie das grundsätzliche Auftrittsverbot für Frauen und junge Männer im Kabuki oder das zeitweilige Verbot des Anfertigens von Schaupielerporträts, zu regulieren. Wie andere Unterhaltungskünstler besaßen die Schauspieler in der konfuzianisch geprägten Gesellschaftsordnung keine anerkannte Position. Dies tat ihrer Beliebtheit und dem damit verbundenen Starkult keinen Abbruch.

Die ersten Darstellungen erschienen bereits um 1700 noch als einfache Schwarzdrucke, die noch von Hand koloriert wurden (tan’e). Nach der enormen technischen Weiterentwicklung zum Vielfarbendruck (nishiki-e) wurden ab 1765 farbige Drucke im Triptychon-Format beliebt, auf denen mehrere Schauspieler interagierten. Da die zunächst um bestimmte Schauspieler entstandenen Fanclubs (renjû) meist nur die Einzelblätter ihrer jeweiligen Idole erwarben, sind aus dieser Zeit kaum komplette Triptychen erhalten. Ebenso wenig genaue Angaben zu den dargestellten Schauspielern und zu deren Rollen. Erst zum Ende des 18. Jahrhunderts, nachdem die Drucke von kommerziell ausgerichteten Verlagen für ein Massenpublikum produziert wurden, war es üblich, den Namen und die jeweilige Rolle der Schauspieler auf den Drucken zu anzugeben.

Einer der rätselhaftesten Künstler auf dem Gebiet der japanischen Schauspielerporträts stellt Tôshûsai Sharaku dar, der davon zwischen 1794 und 1795 rund 140 schuf. Das ausdrucksstarke große Brustporträt der Kabuki-Schauspieler Nakajima Wadaemon und Nakamura Konozô zeigt diese vor Mica-Glimmergrund in dem Stück „Eine bunte Sammlung von Rachegeschichten“. In der Rolle von zwei Bösewichtern traten sie im Jahr 1794 im Kiri-za-Theater der Stadt Edo (heutiges Tokyo) auf. Der feiste Konozô, dargestellt mit beigefarbener offener Yukata, die den Blick auf seinen fetten Leib freigibt, hatte die Rolle eines Bootsführers, der seinen Fahrgast, den hageren Wadaemon, zu einem Freudenhaus übersetzt. Wadaemon ist kontrastierend als größerer Herr, mit scharfkantigen Gesichtszügen und Gewändern in Rottönen dargestellt, der sich im Gespräch zu Konozô herab neigt. Die ins karikaturistisch gesteigerte Darstellungsweise fängt den Moment einer Ermahnung des uninteressiert, geradezu dumpf dreinblickenden Konozô ein. Dabei fällt auf, dass der Künsler Sharaku die ausdrucksstarke Mimik der Dargestellten maßgeblich durch die kalligraphisch anmutende Gestaltung der Augenbrauen und Münder der Porträtierten wieder gibt.

C. Stegmann-Rennert