Der umgekehrte Blick

Bild der 12. Woche - 19. März bis 25. März 2018

Unbekannte Künstlerin: Tongefäß in Gestalt einer europäischen Frau, Guyana, Südamerika, Ende 19. Jh. Keramik; H 23,5 cm. Schenkung von Adele Rautenstrauch, 1899. Ankauf durch Prof. Dr. Wilhelm Joest auf seiner Südamerikareise, 1889/90. Inv.-Nr. RJM 8847 (© Rheinisches Bildarchiv Köln; Foto Patrick Schwarz)

Unbekannte Künstlerin: Tongefäß in Gestalt einer europäischen Frau, Guyana, Südamerika, Ende 19. Jh. Keramik; H 23,5 cm. Schenkung von Adele Rautenstrauch, 1899. Ankauf durch Prof. Dr. Wilhelm Joest auf seiner Südamerikareise, 1889/90. Inv.-Nr. RJM 8847 (© Rheinisches Bildarchiv Köln; Foto Patrick Schwarz)

Wilhelm Joest kaufte dieses Gießgefäß auf seiner Südamerika-Reise in den Jahren 1889/90 bei einer Töpferin in der britischen Kolonie Guyana. Figürliche Keramik dieser Art wurde üblicherweise in Tierform produziert, dieses Gefäß porträtiert jedoch eine weibliche Person in viktorianischer Kleidung mit Korsett, ausladendem Reifrock und streng zurückgebundenem Haar. Die wenigen vorhandenen Darstellungen von Frauen zeigen sie als exotische Wesen mit bizarren Hüten, geschnürten Taillen und üppigen Röcken.

Julius Lips (1895-1950), ehemaliger Direktor des Rautenstrauch-Joest-Museums, sammelte bereits seit den 1920er Jahren solche Darstellungen. Er interessierte sich dafür, wie Europäer in anderen Regionen der Welt wahrgenommen und dargestellt wurden. So zeigte er die Umkehrung des Kolonialen Blicks und gilt als früher Vertreter einer Verflechtungsgeschichte.

Julius Lips veröffentlichte seine Forschungen 1937 im US-amerikanischen Exil in dem Buch „The Savage Hits Back“. Darin beschäftigte er sich auch mit der Darstellung von Frauen. Dies ist bemerkenswert, denn die meisten Europäerdarstellungen zeigen Männer, insbesondere Soldaten. Die Zahl der weiblichen Kolonisatoren war weit geringer als die der männlichen. Daher förderte beispielsweise das deutsche Kaiserreich die Auswanderung der „Hüterinnen der Kultur“. Sie sollten das Christentum und nationales Gedankengut in den Kolonien verbreiten, sowie Kontakte europäischer Männer mit lokalen Frauen verhindern.

Die Stellung der westlichen Frau im Kolonialismus ist widersprüchlich: Einerseits waren sie patriarchalischen Machstrukturen untergeordnet. Andererseits fühlten sie sich in den Kolonien – gestützt auf ein rassistisches Überlegenheitsdenken – den indigenen Männern übergeordnet und konnten sich als Hausherrin, Missionarin oder Lehrerin neue Freiheiten und Handlungsspielräume erschließen. Lips erkannte diese zentrale Position und widmete den Darstellungen von Frauen ein eigenes Kapitel.

L. Halder