Der Frühling kommt

Bild der 14. Woche - 2. April bis 8. April 2018

Utagawa Kuniyoshi (Entw.), Ibaya Sensaburô (Verl.): Pflaumenbaum am Abend, 1843-1847, Vilefarbendruck Nishiki-e, ôban-Triptychon 37,9 x 76,6 cm. Museum für Ostasiatische Kunst, Inv. R 59,1 (Foto: RBA)

Nicht nur in Europa warten die Menschen sehnsüchtig auf den Frühling - in der japanishen Alltagskultur kommt den Festen im Frühling sogar eine wichtige Rolle zu. Kultur Der Pflaumenpark von Kameido ist ein Sujet, das von zahlreichen japanischen Künstlern – unter anderem sehr prominent im Jahr 1857 in einer Serie von Utagawa Hiroshige - thematisiert wurde. Auch in Europa erlangte das Motiv durch die Kopie des Hiroshige-Holzschnitts durch Vincent van Gogh große Bekanntheit.

Auf dem Druck nach dem Entwurf des bekannten Holzschnittkünstlers Utagawa Kuniyoshi erstreckt sich das Thema über drei Einzelblätter. Wir sehen drei junge Frauen, die nachts einen ganz bestimmten, nämlich den Garyûbai-Pflaumenbaum, in Kameido besuchen. Der Hain, an den Ufern des Sumida-Flusses gelegen, war ein beliebtes Ausflugsziel in Edo (heutiges Tokyo). Das Bildmotiv des Pflaumenbaums stammt ursprünglich aus der chinesischen Malerei. Die weiße Pflaumenblüte symbolisiert den Übergang vom kargen Winter zum Frühling. Im Querformat lässt sich der horizontal im Zickzack wachsende Stamm, der die Bezeichnung „ruhender Drache“ (Garyûbai) trägt, gut darstellen. Der Garyûbai wurde dafür gerühmt, dass seine schneeweißen Blüten in der Nacht leuchten.

In der dargestellten Abendszene kontrastieren die farbigen, mehrlagig übereinander getragenen Kimonos der Damen mit der eher skizzenhaften Widergabe des Astwerks vor grau-laviertem Hintergrund. Die drei Schönheiten nehmen unterschiedliche, leicht verdrehte Posen ein. So kommt ihre kostbare Kleidung besonders zur Geltung. Die Textilien zeigen unterschiedliche Färbe- und Dekortechniken in Weiß-, Violett-, Blau- und Rottönen. Teils halb versteckt, teils gut sichtbar erkennen wir auf den kostbaren Stoffen unterschiedlich gestaltete Pflaumenblüten, die auf Titel und Thema anspielen und indirekt auf den nahenden Frühling verweisen. Explizit ist das chinesische Schriftzeichen für Frühling als sich wiederholendes Emblem im nach außen schwingenden Innenfutter des Übermantels der Mittelfigur zu erkennen.

Das Werk von Kuniyoshi gehört zu Gattung der Ukiyo-e: „Bilder der fließenden Welt“. Sie sind zum Synonym für japanische Holzschnitte geworden. Ursprünglich beschrieb der Begriff „ukiyo“ eine vom Buddhismus geprägte pessimistisch-distanzierte Weltsicht. Seine Umdeutung erfuhr er in Japan durch einen populären Roman aus dem Jahr 1662, der den Genuss der „flüchtigen Vergnügungen der fließenden Welt“ (ukiyo) als neues Lebensgefühl eines aufstrebenden Stadtbürgertums (chonin) formulierte. Abnehmer der vergleichsweise günstigen Drucke waren beispielsweise Händler und Kaufleute, aber auch Reisende.

Ein besonders beliebtes Bildsujet stellte, neben den Darstellungen bekannter Kabuki-Schauspieler, die Welt der „Schönen Frauen“ (bijin) dar. Die Bijin umfassten sowohl elegant gekleidete bürgerliche Damen auf Ausflügen, beim Flanieren auf den Straßen, beim Schreinbesuch, bei der Bewunderung der Kirsch- und Pflaumenblüte sowie bei alltäglichen Verrichtungen. Daneben fanden Darstellungen berühmter, besonders luxuriös gekleideter Kurtisanen aus den Häusern des Vergnügungsviertel Yoshiwara, einen reißenden Absatz. Die Damen wurden bei der Unterhaltung ihrer Gäste sowie beim Musizieren, Schreiben oder Dichten, nach dem Bad, beim Ankleiden und Frisieren sowie beim Zubereiten und Servieren von Tee, Sake oder Speisen sowie beim Genuss der Tabakpfeife dargestellt.

C. Stegmann-Rennert