Giovanni. Karriere in Köln

Bild der 24. Woche - 11. Juni bis 17. Juni 2018

Heinz Held: Giovanni, nicht datiert. Silbergelatine auf Papier. Museum Ludwig (Foto: RBA)

Heinz Held: Giovanni, nicht datiert. Silbergelatine auf Papier. Museum Ludwig (Foto: RBA)

Bei der diesjährigen FIFA-Weltmeisterschaft fällt kein Schatten auf die deutsch-italienische Freundschaft: keine Zitterpartie, kein Krimi, kein Elfmeterschießen. Italien ist nicht dabei. Vielleicht feiern, zittern und toben deutsche und italienische Fans in diesem Jahr einträchtig beim Public Viewing im Biergarten oder in einer Eckkneipe. Falls sie denn noch eine finden. Denn die Pinte an der Ecke oder die Pizzeria sind selten geworden.

Einer solchen entstammt Giovanni. Das Porträt wirkt wie die Inszenierung eines Klischees, und ist doch echt. Heinz Held hat den Koch Giovanni nicht nur hinter der Theke seines Ristorante in Szene gesetzt, sondern auch vor dem Lokal - ein typisches Ecklokal in Köln, das in den 1960er Jahren den Besitzer und damit auch Küche und Namen gewechselt hat. Von der Kölschkneipe zur Pizzeria Vesuvio.

Die von Heinz Held vermutlich um 1970 abgelichtete Person vermittelt einen skurrilen – lustigen, spannenden und fremdartigen – Eindruck. Giovanni wirkt wie die surreale Inszenierung eines Klischee-Italieners der 50er Jahre. Seine Haltung, seine Kleidung, sein ganzes Auftreten schreien förmlich nach Wirtschaftswunder, Prunk und Wohlstandsgesellschaft. Gleichzeitig erscheint er der italienische Einwanderer par excellence zu sein.

Die mit Ananas und anderen exotischen Früchten gefüllte Obstschale, hinter der die breit gebaute Gestalt des Restaurantbesitzers sofort ins Auge sticht, erinnert an das Wachstum der Bundesrepublik in den späten 1950er und den 1960er Jahren – das Wirtschaftswunder. Anders als in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende stand den Deutschen, die Welt nun offen. Güter aus fernen Ländern wurden importiert und Glanz zog in den Alltag ein.

Majestätisch steht Giovanni hinter seiner Theke. Die akkurat drapierte Kochmütze und das typische T-Shirt eines Pizzabäckers strahlen in reinem Weiß und untermalen sein stolzes Auftreten. Der Klischee-Italiener ist angekommen. Er hat sich mittlerweile eine eigene Existenz aufgebaut. Gern und regelmäßig strömen Kölner und Domstadtbesucher in sein Restaurant. Vermutlich gehörte Giovanni zu den ersten der vielen nach dem zweiten Weltkrieg in die BRD eingewanderten Italienern. Die ersten „Gastarbeiter“ aus dem Land südlich der Alpen zogen nach dem deutsch-italienischen Anwerbevertrag 1955 in die Bundesrepublik. In den 1960ern folgten weitere Anwerbeabkommen mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Die deutsche Wirtschaft boomte und die Verträge mit den Mittelmeerstaaten wurden geschlossen, um den Arbeitskräftebedarf besonders in der industriellen Massenproduktion, der Schwerindustrie und im Bergbau zu decken und so das Wachstum weiterhin zu sichern.

Unter dem markanten Schnurrbart lässt sich ein verschmitztes Lächeln lediglich erahnen. Giovannis Gesicht wirkt noch markanter durch die glänzend gerahmte, aber schief sitzende Sonnenbrille, die zwar gänzlich seine Augen, aber die buschige Monobraue nur teilweise verdeckt. Gerahmt von einer Goldkette schauen die schon knapp unter dem Hals beginnenden Brusthaare des Pizzabäckers hervor und vollenden das Bild des „typischen Italieners“, als der Giovanni zweifelsohne auf den ersten Blick zu erkennen ist. Mit seiner Existenzgründung hat er eine Möglichkeit gefunden, auch seine Familie in Deutschland ernähren zu können. Was aus ihm und seiner Pizzeria geworden ist, bleibt weiterführenden Untersuchungen überlassen.

Tatsächlich sahen sich viele Gastarbeiter in Deutschland nach dem Anwerbestopp 1973 vor die Entscheidung gestellt, die Bundesrepublik zu verlassen oder die eigene Familie nachzuholen. Die Jahre des Wirtschaftswunders waren vorbei. Die Ölkrise zeigte den Industrienationen und auch der wirtschaftlich boomenden Bundesrepublik ihre Abhängigkeit von fossilen Energien. Trotz der beträchtlichen Rückwanderung vieler „Gastarbeiter“, konnte mit den nachziehenden Familien der Rückgang der ausländischen Bevölkerungsanteile nahezu ausgeglichen werden.

T. Vogt