Kampf im Kaukasus

Bild der 25. Woche - 18. Juni bis 24. Juni 2018

Otto Grashof: Kosaken (?), 1840. Aquarell über Bleistift, 26,8 x 22,25 cm
Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. 2004/003 (Foto: RBA)

Nach dem verlorenen Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Mexiko wird sich das weitere Schicksal der deutschen Elf im südrussischen Sotschi entscheiden. Während die schwedische Mannschaft mit einem souveränen Auftaktsieg gegen Südkorea im Gepäck an die russische Riviera reist, hilft der Equipe von Bundestrainer Joachim Löw nur ein Sieg um die Qualifikation für die K.O-Runde noch in der eigenen Hand zu halten.

Bereits während des Confed Cup 2017 hatte Bundestrainer Löw die Stadt am schwarzen Meer aufgrund des milden Klimas zum Hauptquartier für seine Mannschaft ausgewählt. Weiße Strände und weitläufige Promenaden ließen hier den Geist von Campo Bahia, dem legendären Quartier der Deutschen bei der Weltmeisterschaft in Brasilien wieder auferstehen. Die Olympischen Winterspiele 2014 hatten bereits 3 Jahre zuvor den Namen des beliebten Feriendomizils wohlhabender Russen in alle Welt getragen.

Sotschi – der Name der Stadt ist heute Synonym für das moderne, aufgeschlossene Russland. Als die Stadt 1838 an den Hängen des großen Kaukasus gegründet wird, ist hiervon noch nichts zu spüren. Das befestigte Fort- und Nachschublager Alexandrija zeichnet sich vielmehr durch seine strategisch günstige Lage an der großen kaukasischen Heerstraße aus. Zu Zehntausenden lassen die russischen Zaren hierüber ihre Truppen in den Kaukasus ziehen. Seit fast zwei Jahrzehnten zerschellen die Soldaten des Zaren an den Wällen namenloser Bergdörfer, werden Opfer von Heckenschützen, Hunger und Krankheit.

Sotschi - das ist zu jener Zeit nur die erste Etappe auf dem Weg in die Hölle des Krieges, eine malariaverseuchte, windschiefe Siedlung im Schatten des großen Gemetzels. Getrieben vom Streben nach imperialer Macht und Geltung, träumen die russischen Zaren schon lange von einem Zugang zum Mittelmeer. Das verfeindete osmanische Reich hält den Bosporus erfolgreich für russische Schiffe geschlossen. Dort wacht eine schwere Eisenkette über der Meerenge. Den russischen Weltreichsfantasien bleibt somit nur der beschwerliche Umweg über die Bergriesen des Kaukasus. Ingenieure der russischen Armee sprengen sich bereits ab 1768 tief in die Bergtäler des Hochgebirges. Die neue Heerstraße soll einen schnellen Transport russischer Truppen bis an die Grenzen des osmanischen Reichs gewährleisten. Gleichzeitig sollen die zahlreichen kleinen unabhängigen Fürstentümer und Stammesgebiete dem russischen Zarenreich einverleibt werden.

Zunächst erheben sich die Tschetschenen unter Scheich Mansur Uschurma. Nach und nach weitet sich der Widerstand der mehrheitlich muslimischen Bergvölker zum Flächenbrand aus. Ab den 1820er Jahren schließen sich die politisch zersplitterten Gemeinschaften zusammen. Radikale Sufi-Gemeinschaften übernehmen die Führung des organisierten Widerstandes und rufen den ghazawat (dt.: islamischer Kriegszug) aus. Unter dem Kampfnamen Muriden, vereinen sich Tschetschenen, Tscherkessen und Dagestaner im Kampf gegen Russland. Zahlreiche Gemälde russischer Schlachten- und Historienmaler bebildern die erbitterten Kämpfe im Hochgebirge bis heute.

1838 reist auch der bis dato eher unbekannte Kölner Maler Otto Grashof nach Russland. Als Student der Düsseldorfer Schule macht sich der junge Künstler vor allem durch reich bebilderte Landschaftsszenen einen Namen. Seine fast schon ethnologisch anmutenden Arbeiten bebildern das Alltagsleben der russischen Oberschicht in den Jahren bis 1845. Vor allem das Pferd als Reit- und Arbeitstier steht immer wieder im Zentrum seiner Werke. Die wohl bekannteste Serie aus Grashofs russischer Zeit befasst sich mit Reiterszenen aus dem kaukasischen Krieg. Auch wenn er vermutlich nie vor Ort gewesen ist. Vor allem die Kosaken, russische Reiter aus den weiten Steppen des Reichs, zeichnet der deutsche Maler immer wieder in fast schon stereotyp - historistischer Art und Weise: Hoch zu Ross mit wehenden Schnurrbärten und blitzenden Säbeln. Das vorliegende Werk Grashofs mit dem Titel "Kosaken" entstammt jener Bildserie. Die dargestellte Szene mag Auskunft darüber geben, dass Otto Grashof wohl niemals in seinem Leben einen Kriegsschauplatz besucht hat. Seine “Kosaken“ tragen die Uniform und Mützen ihrer kaukasischen Widersacher.

T. Riese