Sommerfrische

Bild der 26. Woche - 25. Juni bis 1. Juli 2018

Wilhelm Trübner: Auf Frauenchiemsee, um 1891. Öl auf Leinwand, 62 x 76 cm. Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv.-Nr. WRM 2375 (Foto: RBA Köln)

Noch zwei Wochen! Dann machen sich Tausende wieder auf den Weg, um Sonne und Strand, Berge und Seen, Party oder Einsamkeit zu suchen. Die wenigsten werden jedoch ein Urlaubskonzept verfolgen, wie es unser Bild der Woche ausstrahlt: Sommerfrische. Wilhelm Trübner hat gemalt, was seine Zeitgenossen im 19. Jahrhundert als Erholung empfanden: eine ruhige Zeit in sommerlicher Landidylle zu verbringen. Ob es damals aber auf der Fraueninsel, die hier in Szene gesetzt ist, allerdings wirklich so beschaulich zuging?

Geistliches Zentrum

Nach der Herreninsel ist die Fraueninsel die zweitgrößte Insel im Chiemsee. 300 Einwohner leben auf der 15,5 ha großen autofreien Insel. Zu Fuß ließe sich die Insel in 20 Minuten umrunden. Heute ist die Insel ein beliebtes Touristenziel. Neben Fischereibetrieben, traditionellen Töpfereien gibt es sakrale Bauten zu bestaunen. Und nach dem kleinen Rundgau und einer kräftigen Mahlzeit beim Inselwirt geht es weiter zur herreninsel, um Schloss Herrenchiemsee zu besichtigen.
Prägend für den Charakter der Insel ist das Kloster Frauenwörth, denn es erstreckt sich über ein Drittel der Gesamtfläche. Tassilo III. von Bayern soll das Kloster bereits im Jahr 782 gegründet haben. Spätestens seit der Mitte des 9. Jahrhunderts ist die Entstehung des Klosters auf der Fraueninsel durch archäologische Funde bestätigt. Dabei handelte es sich um ein Stift für adelige Damen. Nach der Zerstörung des Klosters, in Folge von Ungarneinfällen, wurde es von den Benediktinerinnen wiederaufgebaut. Durch König Ludwig den Deutschen wurde es zum Reichsstift erhoben. Seine Tochter Irmingard ist als erste Äbtissin überliefert. Heute ist die selige Irmengard die Schutzpatronin des Chiemgaus. Seit 1837 wird das Kloster von den Benediktinerinnen geführt. Sie gründeten ein Internat, das Irmengard-Gymnasium, und widmeten sich der Mädchenerziehung. Zurzeit wird das Kloster von rund 30 Nonnen bewohnt und bewirtschaftet.

Eines der Wahrzeichen des Chiemgaus ist der achteckige, freistehende Glockenturm der Klosteranlage. Er wurde bereits im 12 Jahrhundert erbaut und 1626 erhielt der Turm eine barocke Zwiebelhaube. Unweit des Glockenturms liegt die karolingische Torhalle. Diese weitere Sehenswürdigkeit stammt aus der Frühzeit des Klosters.

Romantischer Rückzugsort und betriebsame Künstlerkolonie

Die romantische Entdeckung der Insel fand im 19 Jahrhundert statt. Seit 1820 gibt es die Chiemseer Künstlerkolonie, zu der u. a. der Maler Max Haushofer zählte. Er gilt als Begründer der Kolonie und brachte zahlreiche Künstler wie Christoph Christian Ruben und Thomas Baumgartner auf die Insel. Bald darauf wurde die Insel unter internationalen Künstlern bekannt. Maler aus ganz Europa und Amerika widmeten sich am Chiemsee im Besonderen der Freilichtmalerei.

Der Gruppe der Chiemseemaler gehört auch Wilhelm Trübner an. Der deutsche Künstler ließ sich auf der ruhigen idyllischen Insel für seine Landschaftsgemälde inspirieren. Das Bild „Auf Frauenchiemsee“ ist eines der Werke seiner Zeit auf der Insel. Es gewährt den Blick auf eine beschauliche Landschaft und stille Natur. Im Gegensatz zu dem heutigen belebten Touristenziel, stellt er in seinem Bild die Harmonie in den Mittelpunkt; die grüne Natur steht im Einklang mit der Klosteranlage. Auf diese Weise schafft er eine romantische Blickweise auf die Fraueninsel im Kontrast zum alltäglichen Besucheransturm. Den gab es allerdings schon damals, und mit der Ankunft der Künstler setzte auch der Fremdenverkehgr ein. Die Eisenbahn brachte die Besucher binnen kurzer Zeit aus München nach Prien am Chiemsee, und von dort ging es mit dem Dampfschiff hinüber zur Fraueninsel, vor allem an den Wochenenden. Trübners Idylle dürfte eine Fiktion sein.

S. Kirsch