Flaggenparade

Bild der 27. Woche - 2. Juli bis 8. Juli 2018

Jasper Johns: Flag on Orange Field (Flagge auf orangefarbenem Feld), 1957. Enkaustik auf Leinwand, 167,6 x 124,5 cm. Köln, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML 01050 (Foto: RBA) © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Stars and Stripes. Je näher der 4. Juli rückt, desto häufiger findet die US-amerikanische Flagge auf den Straßen des Landes, in der Werbung, auf Produktverpackungen – schlicht überall – Verwendung. Die Menschen bereiten sich auf den Unabhängigkeitstag vor, den die Regierung 1777, ein Jahr nach der Unterzeichnung der Declaration of Independence das erste Mal und noch recht bescheiden feiern ließ: Mit jeweils dreizehn Salutschüssen morgens und abends. Für jeden Mitgliedsstaat der Union einen Schuss. Auf die 13 Gründungsstaaten spielen noch heute die 13 Querstreifen an, und die Grundfarben Rot, Weiß und Blau sind dem Union Jack entnommen, der Flagge der einstigen britischen Kolonialmacht. Weiß steht für Reinheit und Unschuld, Rot für Tapferkeit und Widerstandkraft und Blau für Wachsamkeit, Beharrlichkeit und Gerechtigkeit.

Die Zahl der Sterne ist jedoch deutlich gewachsen. Da, wo früher 13 waren, sind heute 50. Sowohl Staaten auf der Landkarte, als auch Sterne auf der Flagge. Und diesem Wachstum entsprechend hat sich auch Verhältnis der Regierung und Bevölkerung zum Unabhängigkeitstag gewandelt. So darf es heute bei den offiziellen Feiern schon mal aufwendiger zugehen. Denn was früher die einfachen Salutschüsse waren, sind heute aufwendige Feuerwerke und Kunstfliegerstaffeln der US-Air-Force, die ihre Kondensstreifen kunstvoll in Szene setzen. Das Ganze selbstverständlich in Rot, Weiß und Blau. In Kombination mit gleichfarbigem Schmuck auf den Straßen und Paraden ist die Flagge ein omnipräsentes Symbol. Jeder Mensch in Amerika verbindet etwas damit. Am Tag der Unabhängigkeit sicherlich Freiheit, Demokratie und amerikanische Großartigkeit.

Dieser scheinbaren Verbindung von Symbol und Bedeutung geht seit Mitte der 1950er Jahre der Maler Jasper Johns auf den Grund. Als der abstrakte Expressionismus in den USA auf dem Höhepunkt ist, stellt Johns 1954 dem Trend etwas auf den ersten Blick sehr Gegenständliches und Plakatives entgegen: Ein Bild einer amerikanischen Flagge - Flag. Das vermeintlich simple Bild fällt auf in der amerikanischen Kunstszene. Johns setzt sich in den folgenden Jahren weiter mit der nationalen Symbolik auseinander und verschafft sich schnell einen Namen. Denn die vermeintlich einfache Darstellung der Flaggen lässt Fragen aufkommen und hält jedem Betrachter einen Spiegel vor. Was sieht man dort eigentlich – eine amerikanische Flagge? Oder doch ein Gemälde, möglicherweise auch einfach verschiedene Formen und Farben? Und was macht Johns mit dem Symbol? 1957 jedenfalls umrahmt er es mit einem orangenen Feld, de-kontextualisiert es damit und lässt vielfältige Assoziationen und Interpretationsmöglichkeiten offen. Schon die verwendete Maltechnik gibt Anlass zum Nachdenken. Johns nutzt nämlich weder Öl- noch Acrylfarben, sondern bedient sich der antiken Maltechnik der Enkaustik. Er löst die Pigmente in heißem Wachs und trägt dieses ebenso heiß auf den Maluntergrund auf. So entsteht eine unregelmäßige und intensive aber gleichzeitig transparente Farbschicht, die bei näherem Betrachten nichts reines an sich hat. Sie wirkt eher rau und dreckig und lässt den Untergrund durchscheinen, den Johns selbst angefertigt hat. Waren es bei "Flag" noch zusammengesetzte Zeitungsschnipsel, ist es nun Leinwand. Aus dem vermeintlich klaren Motiv der Flagge wird so ein vielschichtiges Bild. Nichts Hoheitliches ist im Symbol der Flagge mehr zu erkennen.

Und spätestens jetzt zeigt sich die Komplexität Johns Werk. Da, wo die abstrakte Malerei Ende der 1950er Jahre nicht mehr weiterkommt, gelingt es ihm, die Symbolkraft älterer Kunst mit dem denkanstoßenden Ansatz der Nachkriegsmoderne zu vereinen und etwas neues zu schaffen. Von der aufkommenden Pop Art, für die er damit einen Grundstein legte, distanzierte sich Johns allerdings. Und wie ist es mit der "Flag on orange field"? Hat sie sich aufgelöst zu einer Repräsentation einer Flagge und eines ganzen Landes? Oder vielleicht doch einfach nur zu einzelnen Farben und Formen? Eben zu Stars and Stripes?

J. Mortsiefer