Joie de Vivre für mehr Toleranz

Bild der 28. Woche - 9. Juli bis 15. Juli 2018

David Hockney: Sunbather (Sonnenbadender), 1966. Acryl auf Leinwand,
183 x 183 cm. Köln, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML 01192 (Foto: RBA Köln)

Sonnenstrahlen tanzen auf dem hellblauen Wasser. Ein junger, nackter Mann hat es sich am Pool-Rand bequem gemacht. Dösend liegt er auf einem Handtuch, Hände und Füße berühren die von der Sonne aufgeheizten Steine. Hinter ihm lässt ein saftig grüner Streifen die angrenzende Rasenfläche erahnen. Man kann die Grillen förmlich zirpen hören, die warme Luft auf der Haut spüren. David Hockneys „Sunbather“ aus dem Jahre 1966 weckt eine Sehnsucht nach Sommer, Sonne und Unbeschwertheit. Ganz nonchalant fängt das Acryl-Gemälde die Essenz eines entspannten Sommertages unter der südkalifornischen Sonne ein. Ein Tag ohne Sorgen, ohne Termine. Ein Tag von einer beinahe utopischen Zufriedenheit.

Das ist das Bild, das David Hockney in den 1960er Jahren von seiner Wahlheimat Los Angeles hatte. Eine Stadt in der die Träume von einem hedonistischen Lebenstil voller sexueller Freiheit und Lebensfreude wahr werden. "Arrived in the promised land 2 days ago […] The world’s most beautiful city is here – LA", schrieb der junge Brite auf eine Postkarte während seines ersten Besuches im Jahre 1964. Schon früh zog LA Hockney in seinen Bann. Noch bevor er jemals einen Fuß in die Stadt der Engel gesetzt hatte, malte er ihr bereits seinen ersten Tribut. „Domestic Scene, Los Angeles“ zeigt zwei junge Männer beim Duschen. Inspiration für das Gemälde lieferte das berühmte Beefcake Magazine „Physique Pictorial“, das mit seinen Abbildungen von attraktiven, sportlichen Männern vor allem in der Schwulenszene Nordamerikas Anklang fand.

Nach seinem ersten Besuch kehrte Hockney immer wieder nach LA zurück, bis er 14 Jahre später vollständig dort hinzog. Los Angeles wurde zu einem Ort der Sehnsucht für den homosexuellen Künstler und private Swimming-Pools zu seinem beliebtesten Motiv. Der Pool als Symbol für einen optimistischen, freien Lebensentwurf lässt sich gleich in mehreren seiner Werke finden. Dabei untersuchte er an den Poolsituationen immer wieder, ob sich auch Schwergreifbares wie Wasser oder Licht malen lässt. Sowohl in „Sunbather“ als auch in anderen Gemälden wie „Peter Getting out of Nick’s Pool“ (1966) oder „A Bigger Splash“ (1967) bediente sich Hockney abstrakter Techniken, um das Immaterielle abzubilden. Das tiefblaue Wasser wird erst lebendig durch die weißen, gekringelten Sonnenstrahlen, die sich in den Wellen brechen. Auch die Badenden, ein klassisches Motiv der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, bekommen bei ihm einen neuen, queeren Anstrich. Er selbst bezeichnete seine frühen Werke einmal als „homosexuelle Propaganda“. Häufig sieht man braungebrannte, halbnackte Männer, die sich in der Sonne räkeln oder sich sportlich betätigen. Wenn man bedenkt, dass Homosexualität bis 1967 in England illegal war, muss die Pool-Reihe auch als politische Kampfansage betrachtet werden.

An der Kombination aus politischem Kampf und ausgelassener Lebensfreude konnten sich am Wochenende auch wieder mehrere hunderttausend Besucher des Kölner Christopher Street Day erfreuen. Einmal im Jahr zelebriert die LGBTQ-Community mit Paraden, Demonstrationen und Partys das Recht auf freie Entfaltung, Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Anerkennung. Ganz im Sinne von Hockneys „Sunbather“ gehen dabei Lebensgenuss und der Kampf für mehr Toleranz, Sichtbarkeit und Gleichberechtigung Hand in Hand. Daher ist die Stimmung in der Stadt am CSD-Wochenende selbst bei Regen und Sturm wie an einem ausgelassenen Sommertag am Pool.

E. Butt