Vor 50 Jahren in Prag

Bild der 34. Woche - 20. August bis 26. August 2018

Hilmar Pabel: Heinrich Böll in Prag, 1968. Abzug auf Silbergelatine, 41,1 x 59,7 cm. Köln, Museum Ludwig, Sammlung Fotografie, Inv.-Nr. ML/F 1977/0564 (Foto: RBA)

Heute vor genau 50 Jahren, am 20. August 1968 reiste Heinrich Böll auf Einladung des tschechoslowakischen Schriftstellerverbands nach Prag. Er kam in eine von Aufbruchsgeist, aber auch Unruhe und Nervosität geprägte Stadt. Der Prager Frühling näherte sich seinem Ende – das Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei. Unter Führung des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei, Alexander Dubček, des Ministerpräsidenten Oldřich Černík und des Staatspräsidenten der ČSSR, Ludvík Svoboda, hatte das Land versucht, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen. Regierung und Partei wussten dabei die Bevölkerung hinter sich, die sich ein Ende der wirtschaftlichen Misere und eine Liberalisierung aller Lebensbereiche erhoffte.

Heinrich Bölls Reise sollte eigentlich offiziell geplanten Gesprächen dienen, doch viel Zeit dafür blieb dem Kölner Schriftsteller nicht – bereits einen Tag nach seinem Eintreffen rückten die Truppen des Warschauer Paktes ein. Die Besatzung begann. Insgesamt vier Tage verbrachte Böll gemeinsam mit seiner Frau Annemarie und seinem Sohn René in der Stadt und wurde Zeuge, wie die Träume von einem menschlichen Sozialismus brutal zerschlagen wurden. Truppenverbände aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien erstickten den Aufstand im Keim. Dubcek verzichtete auf jeglichen militärischen Widerstand, da dieser von Anfang an als aussichtslos galt. Innerhalb weniger Stunden waren die strategisch wichtigsten Positionen von den Truppen eingenommen. Der Widerstand der Prager durch alle Bevölkerungsschichten hindurch beeindruckte den Schriftsteller zutiefst. Böll tat das ihm Mögliche, seine Solidarität auszudrücken, sprach im Radio, schilderte für lokale Zeitungen seine Beobachtungen der Ereignisse. Als er wieder abreiste, versprach er den tschechischen Schriftstellerkollegen, so viel und oft wie möglich über das, was er gesehen hatte, zu berichten und darüber zu schreiben.

Unser Bild der Woche entsteht am 22. August 1968. Im Hintergrund ist der Sockel des Nationaldenkmals auf dem Wenzelsplatz zu sehen, an dem Demonstranten Spruchbänder angebracht haben. Zu erkennen sind die Namen von Svoboda, Dubček und Černík. Unterhalb passiert Böll den Platz, umgeben von jungen Demonstranten und einem Vertreter des tschechischen Schriftstellerverbandes, der sein Gesicht gegen die Kamera des Fotografen abschirmt. Der, der auf den Auslöser drückt, ist der Fotojournalist Hilmar Pabel (1910 – 2000). Er befindet sich in Prag, um eine Reportage zu drehen. Am Morgen des 20. August weckt ihn sein Kollege Erich Kuby vom „Stern“, der von seiner Redaktion erfahren hat, dass die Russen im Anmarsch seien. Die beiden Reporter eilen in die Stadt, Pabel macht die ersten Bilder. Er lässt die Filme über Nacht aus dem Land schmuggeln, und seine Aufnahmen erscheinen am nächsten Morgen im Stern, in den Tagen danach in den großen Zeitungen der westlichen Welt. Hilmar Pabel war der einzige Fotojournalist aus dem Westen, der den Einmarsch der Russen dokumentierte.

Die Aufnahme von Heinrich Böll ist typisch für Pabels Stil. Seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und die eigene Blauäugigkeit, die ihn für den nationalsozialistischen Propaganda-Apparat hatte arbeiten lassen, trugen maßgeblich zu seiner späteren Arbeit als Fotojournalist bei. Nach dem Krieg machte er es sich selbst zur Aufgabe mit den Mitteln der Fotografie gegen Gewalt, Not und Hunger anzukämpfen. Durch seinen außergewöhnlichen Fotostil prägte Pabel den zeitgenössischen Bildjournalismus. Die Nähe zu den Menschen brachte ihm ungewöhnliche Perspektiven. Seine Fotos überzeugen durch ihre Lebensnähe und Aussagekraft, sie sind „einfache“ Bilder, die durch die Schlichtheit ihren dokumentarischen Charakter erhalten. Als Spezialist für Politik etablierte er sich in den Gründungsjahren der deutschen Bundesrepublik in Bonn. Er fotografierte Politiker auf öffentlichen Ereignissen und im privaten Urlaub, schuf später zahlreiche Bildreportagen, die in Zeitschriften wie TIME Magazine, LIFE und ZEITmagazin erschienen, und erhielt für sein Werk zahlreiche Auszeichnungen und Preise.

M. Hamann