Der Beginn einer neuen Zeit

Bild der 35. Woche - 27. August bis 2. September 2018

Pieter Lodewyk Kuhnen: Landschaft mit See und Kahn, nicht datiert. Öl auf Leinwand, 50,5 x 43,5 cm. Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, Inv.-Nr. WRM 3399 (Foto: RBA)

Sanftes Sonnenlicht fällt durch die seichte Wolkendecke auf das Wasser. Golden glitzernd spiegelt sich die spätsommerliche Landschaft auf der Wasseroberfläche. Ruhig und gleichmäßig bahnt sich ein kleines Ruderboot seinen Weg durch die seichten Wellen. Auf dem Boot stehen drei Personen. Der sitzende Fahrer führt sie sicher an das nahende Ufer, welches nur durch die vereinzelten Uferpflanzen zu erahnen ist. Die anderen beiden stehen im Boot und blicken in die Ferne. Das sanfte Licht taucht die Szenerie in eine friedliche Stimmung. Was sehen die Männer am nahenden Ufer? Kehren sie zurück nach einer langen Reise oder ist es die Ankunft in einer neuen Zeit?

Als Peter Ludwig Kuhnen im Jahre 1827 dieses Bild malt, sind die ersten Beben der belgischen Revolution bereits spürbar. Nachdem der Wiener Kongress vor etwas mehr als zehn Jahren beschlossen hatte Belgien, die südliche Provinz der Niederlande mit der nördlichen Provinz Holland unter einem König zu vereinen, kam Unruhe auf. Nicht nur der Klerus protestierte gegen die erzwungene Verschmelzung mit dem calvinistischen Norden, auch die liberale Bürgerbewegung forderte mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit und träumte von einem eigenen belgischen Nationalstaat. Im Jahre 1830 sollte es soweit sein. Die belgische Revolution erhebt sich und würde schon bald Erfolg haben. Belgien würde ein unabhängiger Staat sein, mit einem eigenen König.

Doch noch ist es nicht so weit. Im Jahre 1827 pulsierte die Revolution zwar bereits im Inneren Belgiens, doch Peter Ludwig Kuhnen kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen wie sehr ihn diese Veränderung eines Tages betreffen würde. Er ist gerade einmal 15 Jahre alt. Vor zwei Jahren war er Vollwaise geworden und kann nur durch die Unterstützung seiner Geburtsstadt Aachen etwas Geld als Lithograph verdienen. Diese Ausbildung sollte ihn zwar ernähren, doch er spürt schon damals, dass es nicht Worte sein werden, die sein Talent zum Vorschein bringen sollten. Erst wenn er vor der Leinwand sitzt, Farben und Pinsel zu seinen Diensten, erst dann fühlt er sich vollkommen.

Seine Lehrer im Mal- und Zeichenkurs bemerken sein Talent und fördern ihn wo es möglich ist. Besonders seine filigrane Arbeit mit Liebe zum Detail beim Miniaturmalen begeistern seine Zeitgenossen. Erst in den 1830er Jahren widmet er sich vollends der Landschaftsmalerei und erlangt dabei auch internationale Aufmerksamkeit. Vor allem die belgische Kunstszene wird auf ihn aufmerksam. 1836 ist es dann so weit: Auf Nachdruck seiner belgischen Unterstützer zieht er nach Brüssel und findet in Belgien seine Heimat. Sein belgischer Name lautete von da an: Pieter Lodewyk Kuhnen. Er erlangt mehrere internationale Preise, wird sogar vom belgischen Königshaus selbst als Zeichenlehrer eingestellt und heiratet - wie sollte es anders sein? – eine Landschaftsmalerin.

All das ahnt Peter Ludwig Kuhnen nicht als er 1827 wieder einmal vor der Leinwand sitzt. Als Kind der Romantik verwirklicht er in seinen Bildern das Gefühlvolle, gibt den Emotionen Vorrang vor dem Verstand und schenkt jedem Kunstwerk eine ahnungsreiche Atmosphäre. Er träumt sich hinein in eine idyllische Landschaft. Er hört das leise Plätschern des Wassers unter den Rudern des Bootes. Er riecht den frischen Dunst eines spätsommerlichen Nachmittages. Er sieht in die Ferne, über den Ruderer hinweg und erkennt etwas Neues. Er spürt die Ankunft einer neuen Zeit – für ihn und das zukünftige Belgien.

E. Burghardt