Meisterstück – Der Samson aus Maria Laach

Bild der 36. Woche - 3. September bis 9. September 2018

Samsonmeister: Figur des Samson, um 1220. Maria Laach, Benediktinerabtei. Kalkstein, H. 57,5 cm (Foto: RBA / M. Mennicken, E. Bauer)

Nach mehr als vier Jahrzehnten ist die Steinfigur des Samson aus der Benediktinerabtei Maria Laach erstmals wieder öffentlich zu sehen. Sie steht im Zentrum der aktuellen Kabinettausstellung im Museum Schnütgen, die sich dem sog. Samsonmeister und der rheinischen Skulptur in der Zeit um 1200 widmet.

Auch wenn die Zeit an der vor etwa 800 Jahren entstandenen Skulptur Spuren hinterlassen hat, so ist die fragmentierte, aus zwei Bruchstücken zusammengesetzte und nur etwas mehr als einen halben Meter messende Samsonfigur doch von großer physischer Präsenz und Faszinationskraft. Vor allem das anmutige Gesicht mit dem festen, in die Ferne gerichteten Blick zieht den Betrachter in seinen Bann. Es ist das Gesicht eines jungen Mannes, das mit seinen ebenmäßigen, zugleich markanten Zügen und dem kraftvollen, ernsten Ausdruck ungemein lebendig erscheint. Klar konturiert und in feiner Binnenzeichnung, besonders der Augen- und Mundpartie, aus dem Stein modelliert, verbindet sich in der Physiognomie die plastische Spannung der Formen mit einer inneren Gelöstheit. Dabei unterscheidet sich die Gestaltung von Gesicht und Kopf wesentlich von den Skulpturen des ausgehenden 12. Jahrhunderts in Köln und dem Rheinland und legt nahe, dass sich der Meister an der gotischen Kathedralskulptur in Frankreich orientierte.

Die Skulptur stellt den jugendlichen Samson dar, der nach dem alttestamentarischen Buch der Richter (14,5-6) einen Löwen mit bloßen Händen in Stück riss. Darauf weisen nicht allein seine Jugendlichkeit und das lange Haar, wodurch Gott ihm übermenschliche Kräfte verlieh, insbesondere die zotteligen Fellsträhnen einer Löwenmähne vor dem Leib der Figur lassen noch einen aufspringenden Löwen mit weit geöffnetem, nach oben gerichteten Maul erahnen, das Samson mit beiden Händen auseinanderreißt. Für welchen Ort in der Abtei die Skulptur ursprünglich geschaffen wurde, ist heute nicht mehr mit Gewissheit zu bestimmen. Sicher ist nur, dass sie wie zu dieser Zeit üblich architekturgebunden aufgestellt war. Davon zeugt nicht zuletzt der architektonische Ansatz der Blattkonsole, die sich rückseitig an den Kopf anschließt, fast so, als würden das große Blattwerk und die Weintrauben aus dem Haupt erwachsen.

Wer diese herausragende Figur geschaffen hat, wissen wir nicht. Als Person bleibt der Meister mitsamt seiner Werkstatt mangels schriftlicher Quellen anonym, als Künstlerpersönlichkeit wird er durch seine spezifische Art der Gestaltung in einer Anzahl von Werken greifbar. Dies lässt sich in der Ausstellung nachvollziehen. So ist die künstlerische Handschrift des Meisters auch bei den Kapitellen des Laacher Vorhallenportals, in denen sich figürliche Darstellungen mit pflanzlichen Formen verbinden, wiederzuerkennen. Hiervon unterscheiden sich andere, zeitgleich in der Region entstandene Arbeiten, in denen sich eine Auseinandersetzung mit antiken und byzantinischen Vorbildern widerspiegelt. Auch in der Zeit um 1200, als in Köln und im Rheinland rege an den spätromanischen Kirchen gebaut wurde, wurden Skulpturen geschaffen, die ebenso von künstlerischer Individualität geprägt sind, wie in späteren Epochen, nur dass die Namen dieser Bildhauer nicht bekannt sind.

K. Straub