Zur aktuellen Verlegung eines "Stolpersteines"

Bild der 37. Woche - 10. September bis 16. September 2018

Fotografie der Familie Frankenstein, ca. 1918. NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Nachlass Dr. Kurt und Susanne Frankenstein (Scan des Originals)

Nachlass der Familie Frankenstein, NS-Dokumentationszentrum (Foto: RBA/ Marion Mennicken, rba d022816-47)

Stolpersteine für die Familie (Foto: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln)

Die Fotografie  zeigt die Kölner Arztfamilie Frankenstein, für die heute vor ihrem ehemaligen Wohnhaus am Kaiser-Wilhelm-Ring 24 Stolpersteine verlegt werden. Diese von Gunter Demnig geschaffenen Steine erinnern an Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Die Steine wurden seit Anfang der 1990er Jahre bundesweit in über 1.600 Orten verlegt, aber auch in anderen europäischen Ländern, die während der NS-Zeit unter deutscher Besatzung standen. In Köln gibt es im gesamten Stadtgebiet mittlerweile über 2.000 dieser Denkmäler. Bis heute verlegt der Künstler die Steine stets selbst. Häufig sind dabei auch Nachkommen anwesend, die auf diese Weise ihrer verfolgten oder ermordeten Angehörigen gedenken.

Stolpersteine sollen Passanten gedanklich stolpern lassen, um damit individuell an Verfolgte zu erinnern und Fragen nach Täter- und Mittäterschaft aufzuwerfen. Durch ihre Lage vor den letzten freiwillig gewählten Wohnorten der Personen wird deutlich, dass diese vor 1933 in die Gesellschaft integriert waren und ihre fortschreitende Ausgrenzung und Verfolgung vor den Augen ihrer Mitbürger*innen geschah. So auch die Familie Frankenstein.

Das Foto zeigt den Vater Dr. Kurt Frankenstein, seine Ehefrau Susanne Margarethe, geb. Edel, sowie den Sohn Joachim Kurt. Die Tochter Johanna Maria Susanne war zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht geboren. Kurt Frankenstein wurde am 17. Oktober 1877 in Landeshut in Schlesien (heutiges Polen) geboren, seine Ehefrau kam am 16. Februar 1884 in Berlin zur Welt. Beide stammten aus evangelisch-jüdischen Elternhäusern und waren evangelisch getauft. Sie heirateten im Oktober 1913, ein knappes Jahr später kam der Sohn Joachim Kurt am 26. September 1914 zur Welt. Kurz darauf ging Kurt Frankenstein, der bereits 1900 für zwei Jahre beim Militär gedient hatte, erneut zur Armee. Für seine Verdienste als Stabsarzt der Reserve im Ersten Weltkrieg erhielt er mehrere Auszeichnungen, darunter das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Nach Kriegsende zog Frankenstein mit seiner Familie nach Köln. Hier wurde am 15. März 1919 die Tochter Johanna Maria Susanne geboren. Der promovierte Gynäkologe Kurt Frankenstein arbeitete als leitender Arzt der Frauenabteilung am evangelischen Krankenhaus in Köln-Kalk und veröffentlichte nebenbei mehrere Fachartikel.

Trotz der evangelischen Religionszugehörigkeit der gesamten Familie wurde sie ab 1933 aufgrund der nationalsozialistischen Rassenideologie als jüdisch verfolgt. Auch Kurt Frankensteins Militärdienste, die er sich im Mai 1933 eigens bescheinigen ließ, schützten ihn und seine Familie nur bedingt vor Verfolgung. Bereits wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er vom ärztlichen Direktor der Klinik aufgefordert, wegen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ seine Entlassung einzureichen. In den folgenden Jahren führte er noch stundenweise eine Frauenarztpraxis in seinem Wohnhaus am Kaiser-Wilhelm-Ring 24. Am 16. Mai 1937 verstarb er im Alter von 59 Jahren an einer Sepsis, seine Urne wurde auf dem Westfriedhof beigesetzt.

Nach seinem Tod musste die Familie wegen Kündigung in eine kleinere Wohnung in der Machabäerstraße 28 umziehen. Der Sohn Joachim Frankenstein heiratete im Juli 1938 in München Susi Helene Hedwig Ehrenberg. Beide Kinder emigrierten 1939: der Sohn mit seiner Frau über Schottland in die USA, die Tochter nach England. Aus den Briefen und Karten der Tochter an ihre Mutter wird deutlich, wie schwer es für sie war, im fremden Land Fuß zu fassen. Susanne Frankenstein blieb alleine in Köln zurück. Sie erhielt in dieser Zeit Unterstützung von der ehemaligen Haushälterin der Familie – ein seltenes Beispiel für Hilfeleistungen und Solidarität für Verfolgte aus der Mehrheitsgesellschaft. 1942 musste sie in das Deportationslager in Köln-Müngersdorf umziehen, von dort wurde sie am 15. Juni 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie starb am 21. März 1943 im Ghetto.

Vor ihrer Deportation übergab sie ihren Helfern die Familiendokumente, darunter Fotografien, Urkunden und Briefe. Über die Nachkommen gelangte dieser Nachlass in die Bestände des NS-Dokumentationszentrums. Darin befindet sich auch ein kleines Haushalts- und Tagebuch, das Susanne Frankenstein in ihren letzten Jahren in Köln führte. Das von ihr handschriftlich auf der ersten Seite eingetragene Zitat von Friedrich Schiller vermittelt eindrücklich ihre Gefühlswelt in dieser Zeit: „Man kann uns niedrig behandeln, nicht erniedrigen.“

B. Klarzyk