Der Maler und der Nebel

Bild der 39. Woche - 24. September bis 30. September 2018

Caspar David Friedrich: Flußufer im Nebel / Elbschiff im Frühnebel, um 1821. Öl auf Leinwand, 22 x 33,5cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, Inv.-Nr. WRM 2667 (Foto: RBA)

Unser Bild der Woche trägt mehrere Namen. Für die einen ist es das „Flußufer im Nebel“, für die anderen eher das „Elbschiff im Frühnebel“. Zwei unterschiedliche Titel, die eine Frage entstehen lassen: Welcher der beiden wäre der treffendere für dieses Werk?

Das Flussufer bestimmt den Vordergrund. Es drängt sich nahezu auf, mit sattem Grün, filigranen Blüten und einem Detailreichtum, der mithin auch die Zwecke einer naturwissenschaftlichen Pflanzenstudie erfüllen könnte. Den Blick des Betrachters vermag das Ufer jedoch nicht so recht zu bannen, denn er wird zu etwas anderem gezogen: Hinein in den dichten Dunst, der sich über einem Fluss jenseits der schützenden Uferböschung mit ihrem hohen Gras erhebt. Das gegenüberliegende Ufer ist schon nicht viel mehr als eine konturenarme, dunkle Masse.

Auf dem Fluss das Schiff, das mit eingeholtem Segel den Strom entlangzutreiben scheint. Schemenhaft lässt sich unter der hoch aufragenden Takelage noch die dreiköpfige Mannschaft erkennen. Eine Gestalt hat das Ruder im Griff, eine andere beugt sich geschäftig herab, während am Bug eine dritte den Blick fest auf den dichter werdenden Nebel richtet.

Für Caspar David Friedrich (1774-1840) war die Landschaftsmalerei nicht einfach eine möglichst realitätsgetreue Wiedergabe eindrucksvoller Naturbeobachtungen. Vielmehr war es sein Anliegen, die Landschaft ganz im Sinne der Romantik mit einer weiteren Ebene zu versehen: Die Landschaft als Spiegel der Seele, deren Schattenseiten ein Kernelement in Friedrichs Ästhetik bildeten.

Caspar David Friedrich litt Zeit seines Lebens an Depressionen, deren Ursprung oft in traumatischen Verlustereignissen in seiner Kindheit und Jugend gesehen wird. Der frühe Tod seiner Mutter (1747-1781) und der tragische Unfall seines Bruders Johann Christoffer (1775-1787), der, nachdem er den jungen Caspar beim gemeinsamen Schlittschuhlaufen aus dem kalten Wasser hatte retten müssen, im Eis einbrach und ertrank, sollten das Schaffen Friedrichs maßgeblich prägen.

Mit seinen klaren Konturen und satten Farben verankert das Ufer den Betrachter zwar in der vermeintlichen Vertrautheit des Hier und Jetzt, doch droht stets das Abgleiten in den dichten Nebelschleier einer ungewissen Zukunft. Die reale, scharf umrissene Wirklichkeit steht so in ständigem Kontrast zur Allgegenwart des Nebels, der das Diesseits überlagert und so stets mahnend daran erinnert, dass allem Bestehenden auch ein Hauch von Vergänglichkeit anhaftet. In der Gegenwart von Schatten und Tod erscheint das Leben so jedoch umso erhabener.

Welche Bedeutungen den vielschichtigen Details in Friedrichs Werk jedoch zukommen und welcher Titel diesen Wohl am besten gerecht würde liegt letztendlich im Auge des Betrachters.

T. Düpmeier