Enthüllend. Cindy Sherman inszeniert Frans Hals

Bild der 40. Woche - 1. Oktober bis 7. Oktober 2018

Cindy Sherman: Untitled #222, 1990. Fotografie auf Papier, 152,4 x 111,8 cm. Köln, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML/Dep. 7321 (ML/F 1999/58), Zugang 1999 (Foto: RBA)

Eine alte Frau nackt im Scheinwerferlicht. Ihr Blick misstrauisch und traurig zugleich. Sie wird nicht mehr begehrt, denn sie ist zu alt. Das Gesicht ist faltig und ihre Glieder nicht mehr straff. Dennoch sitzt sie mit entblößtem Oberkörper auf einem mit rotem Samt bedeckten Kanapee. Die wenige Kleidung, die sie noch trägt, ist schneeweiß. Ihre Schultern sind mit einem Spitzentuch bedeckt, ihre grauen Haare lugen unter einerHaube hervor und ihre Beine sind bedeckt von einem Leinenrock. Sie hält ein weißes Taschentuch. Ob sie es braucht um ihre Tränen zu trocknen, ist nicht ersichtlich, doch es wäre möglich. Die Frau ist in ihrer Nacktheit und Verletzlichkeit den Blicken des Betrachters ausgesetzt.

Sie ist eine der Regentinnen des Altmännerhauses in Haarlem. Ihr Leben lang musste sie den Anschein von Würde und Anstand wahren. So wird sie auch von Frans Hals portraitiert, der 1664 als verarmter Künstler den Auftrag erhielt, zwei Gruppenportraits der Regenten und Regentinnen des Altmännerhauses anzufertigen. Die alte Dame, die als zweite von links sitzend mit ihrer Aura Strenge aber auch Wohlwollen versprüht, wurde mehr als 300 Jahre nach diesem Hals’schen Gemälde nochmals portraitiert, diesmal von der Grand Dame der Verwandlung: Cindy Sherman.

Sherman befreit die alte Regentin von ihrer Kleidung. Doch sie zeigt uns eine weitere Hülle, den menschlichen Körper. Das hochgeschlossene schwarze Kleid weicht monströsen Gummibrüsten, nur die Schultern sind wie zuvor von dem gleichen weißen Tuch bedeckt. Diese absurd anmutende Szene offenbart, wie bemitleidenswert Sherman diese alte Frau empfindet, die zeitlebens ihre Weiblichkeit verstecken musste. Shermans Portrait der alten Regentin, Untitled #222, entstand 1990 und ist Bestandteil einer von drei Serien von Portraits, die inspiriert sind von Gemälden der Renaissance und des Barock.

Diese von Sherman so genannten History Portraits wurden zwischen 1989 und 1991 veröffentlicht und erfreuten sich sogleich großer Beliebtheit. Mit ihren History Portraits stellt sich Sherman gleich in zwei Traditionen. Zum einen erhebt sie
den Anspruch die Nachfolge der großen Meister der Renaissance und des Barocks anzutreten, indem sie diese neu interpretiert. Zum anderen adaptiert sie wie schon andere bekannte Künstler, hier sind nur beispielhaft Namen wie Manet, Picasso und Warhol zu nennen, Werke großer Meister der alten Kunst. Allerdings benutzt sie anders als vorherige Künstler das Medium der Photographie und stellt diese Kunstgattung auf eine Ebene mit der Malerei, die oftmals als die
„edelste“ Kunstform bezeichnet wird.

Ihr bevorzugtes Sujet in den History Portraits sind Frauen, da ihr Gestus mannigfaltiger sei, als jener der Männer, die sich meist in Machtposen präsentieren würden. Somit setzen die History Portraits auch ein Zeichen für die Emanzipation von Frauen, die auf Gemälden der alten Meister zumeist nur als Ehefrauen und Mätressen portraitiert wurden. Sherman befreit sie aus dieser Rolle, offenbart die Künstlichkeit ihres Habitus und zeigt auch, wie am Beispiel der alten Regentin zu sehen, ihre Verletzlichkeit.

F. Engel