Herbstmond über der Tauterrasse

Bild der 42. Woche - 15. Oktober bis 21. Oktober 2018

Yuan Yao (tätig um 1720-1780): Herbstmond über der Tauterrasse, nicht datiert. Hängerolle, Tusche und Farben auf Seide. Museum für Ostasiatische Kunst, Inv Nr. A 89,1 (Foto: RBA)

In China kommt dem Mond in der Lyrik, der Malerei, der Philosophie und dem Kult eine besondere Bedeutung zu. Im Herbst erscheint der Vollmond außergewöhnlich groß und rund und man feiert das „Mittherbstfest“ (Zhongqiujie), bei welchem man sich mit Familie und Freunden trifft, zusammen speist und auf den vollkommenen, Mond sein Glas erhebt und Dichter zitiert.

Das kostbare Gemälde von Yuan Yao fängt die beinahe mystische, nächtliche Stimmung in einer Palastanlage ein, die inmitten einer idealisierten, vom fahlen Licht des Vollmondes beschienenen, nebligen Herbstlandschaft liegt. Vermutlich wurde die repräsentative, sehr großformatige Seidenmalerei von ihren ursprünglichen Besitzern im Herbst in einer hohen, repräsentativen Halle entrollt und aufgehängt.

Der Mond wird mit dem weiblichen Yin-Aspekt des Kosmos assoziiert. Eine Figurenszene im vorderen, offenen Hof des Palastgeländes, zeigt Dienerinnen und Kerzenträgerinnen, die eine Dame flankieren. Die Personengruppe schreitet auf die große vordere Halle, der teilweise hinter Nebelschwaden verborgenen Palastgebäude, zu. Die Darstellung der Prozession zur Zeit des Vollmondes lässt sich mit Ritualen zur Verehrung der legendären Mondgöttin Chang E in Verbindung bringen, welche traditionell von Frauen durchgeführt wurden.

In der Malerei von Yuan Yao, der einer im 18. Jahrhundert tätigen, sehr bekannten südchinesischen Malschule entstammt, finden sich weitere Bildthemen, die sich mit der Jahreszeit Herbst verbinden lassen. Die titelgebende Tauterrasse (lutai) ist im hinteren Bildteil außerhalb des Palastbezirks in der Nähe einer Baumgruppe zu sehen. Dieses ursprünglich in der Han-Zeit (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) errichtete Bauwerk war Bestandteil des kaiserlichen Palastareals des mächtigen Han Wudi (156-87 v. Chr.) Der nach Unsterblichkeit strebende Kaiser ließ die Tauterrasse errichten, um dort mithilfe einer erhöht platzierten Schale Tau aufzufangen. Tau galt als Nahrungsmittel der Unsterblichen und sollte diese anlocken und dem Kaiser auf diese Weise zu Unsterblichkeit verhelfen.

C. Stegmann-Rennert