Tabubruch als Selbstdarstellung

Bild der 43. Woche - 22. Oktober bis 28. Oktober 2018

Martin Kippenberger: Symphatische Kommunistin, 1983
Öl und Harz auf Leinwand, 180 x 150 cm. 
Köln, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML 10290 (Foto: RBA)

Martin Kippenberger galt schon zu Lebzeiten als enfant terrible der deutschen Kunstszene. Am Anfang belächelt und ignoriert, später als kultig und originell gefeiert, machte sein Ruf diverse Wandlungen durch. Postum gehört Kippenberger zu den schillerndsten, deutschen Künstlerfiguren des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Retrospektiven seines Schaffens bevölkerten schon Museen in Düsseldorf, London, Karlsruhe, Los Angeles, New York und Berlin. Und auch heute über zwanzig Jahre nach seinem Tod spricht man von Kippenberger entweder in bewundernder Demut oder mit kopfschüttelnder Ungläubigkeit. Seine Kunst ist genauso begehrt wie umstritten. Dabei wollte er selbst eigentlich nie einfach nur gefallen, sondern immer schon provozieren. Er wollte dem deutschen Bürgertum den Spiegel vorhalten und so nagelte er Frösche ans Kreuz und schickte seine Betrachter auf Hakenkreuzsuche.

Die 1980er Jahre waren Kippenbergers wichtigste Schaffensperiode. In jedem Plakat, Gemälde, jeder Collage und Performance kann man den Nihilismus seiner Zeit nachfühlen. Seine Werke werden der Kunstrichtung der Neuen Wilden zugeordnet. Die Auflösung des klassischen Kunstbegriffes durch Zynismus und Höhne war das erkorene Ziel der Wilden. Dekonstruktion findet sich immer wieder in Kippenbergers Welt – nicht nur in seinen Werken, sondern auch in seiner Person. Skandale, verbale Ausrutscher und Exzesse kennzeichneten das kurze Leben des gebürtigen Dortmunders. Martin Kippenberger fand nur selten Ruhe. Zog er doch wie getrieben von einer Stadt in die nächste, beschäftigte sich immer wieder mit neuen Dingen – Hauptsache keinem Trend hinterherhecheln, Hauptsache keinen Klischees entsprechen. Weglaufen, umziehen, ausziehen: Das alles konnte er ähnlich gut wie süchtig sein. Die Sucht war immer schon ein zentrales Thema von Kippenberger. Sucht nach Aufmerksamkeit, Drogen und Alkohol. 1997 holte ihn die Sucht in Form einer Lebererkrankung ein. Im Alter von nur 44 Jahren starb er in Wien. Er selbst sagte mal: „Sucht, das heißt nichts anderes als suchen. Ich lehne alles ab und suche was Anständiges.“

Auf seiner Suche verschlug es den ewig Getriebenen auch mehrmals nach Köln. In der rheinischen Metropole entstand 1983 auch das ungewöhnliche Gemälde der „sympathischen Kommunistin“. Wieder einmal ein Werk, das von Tabubrüchen und Provokation nur so strotzt. 1983: Der Kalte Krieg ist noch im vollen Gange. Das Nato-Manöver „Able Archer“ hat die Welt grade knapp an den Rand eines Atomkriegs katapultiert. Nur fünf Jahre zuvor entführten und ermordeten RAF-Mitglieder Hans Martin Schleyer. Und was macht Martin Kippenberger? Er malt eine fröhlich lachende Kommunistin in weißer Uniform und rotem Stern auf der Budjonowka. Dabei mischt er den ideologischen Kunststil des sozialistischen Realismus gekonnt mit Elementen des abstrakten Expressionismus. Kommunistische Utopie trifft auf kapitalistische Pop-Ästhetik. Heute gilt die „sympathische Kommunistin“ als eines der zentralen Werke von Martin Kippenberger. Denn trotz des vordergründigen Kitsches des sogenannten Bad Paintings kann die „sympathische Kommunistin“ mit einigem Tiefsinn aufwarten. Und wiedermal muss der Betrachter selbst entscheiden: Demonstriert Kippenberger mit seinem Rückgriff auf die kommunistische Kunstdoktrin seine eigene Freiheit oder gibt er nur eine westliche Idealvorstellung wieder? Geht es um eine ironische Brechung eines ernsthaften Realismus oder um die Schaffung eines eigenen Realismus-Begriffes? Und ist Kippenbergers Tabubruch unpolitische Selbstdarstellung oder politischer Sarkasmus?

E. Butt