"Wie Garben auf dem Feld"

Bild der 44. Woche - 29. Oktober bis 4. November 2018

Unbekannter Künstler: Der Tod als Sensenmann, Süddeutschland, 18. Jhdt., Museum Schnütgen, Köln, Inv.-Nr. A 99 (Foto: RBA)

In seinem Gerichtswort über Juda vergleicht der Prophet Jeremias den Tod mit einem Schnitter, der eine Sense trägt und alles mitreißt, was auf seinem Weg steht: „Der Tod ist durch unsere Fenster gestiegen / eingedrungen in unsere Paläste. Er rafft das Kind von der Straße weg, von den Plätzen die jungen Männer. Die Leichen der Leute / liegen wie Dünger auf dem Feld, wie Garben hinter dem Schnitter; keiner ist da, der sie sammelt.“

Auf diesen Bibeltext und auf die antike Mythologie bezogen sich viele mittelalterliche Darstellungen des Todes. Damals war der Tod omnipräsent, nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Kriege und Epidemien, die das Leben prägten. Nach der ersten Episode des „Schwarzen Todes“, der Pest, im 14. Jahrhundert spürten die Überlebenden das Bedürfnis, den abstrakten Begriff des Todes greifbar und sichtbar zu machen. So entstand eine neue Ikonografie, in der der Tod als Sieger dargestellt wurde. Zugleich wurde er als ambivalentes Symbol betrachtet, da er einerseits das Leben beendete, andererseits Auferstehung und Wiedergeburt ermöglichte. Die von einem unbekannten Künstler im 18. Jahrhundert geschnitzte Holzskulptur, die trotz ihres kleinen Formats einen starken Eindruck macht, ist ein herausragendes Beispiel einer Todesallegorie, die den Menschen das Konzept des Memento mori vor Augen bringen sollte.

Auf einem stark profilierten Sockel erhebt sich eine schmale, nach rechts gedrehte und von einem Frosch begleitete Gestalt wie ein „Gottesacker“ über die unter seinen Füßen liegende Natur. Während der Oberkörper, die rechte Hand und der rechte Fuß dem Blick des Betrachters zugewandt sind, sind der markant ausgearbeitete Totenschädel, der linke Arm sowie ein großer Teil der Beine von einem auffliegenden, zerrissenen Leichentuch bedeckt. Seine großen Falten unterstützen die siegreiche Pose der tödlichen Silhouette. Die Banalität des Todes wird durch die linke Hand betont, die entspannt auf einem schräg stehenden Grab liegt. Gleichzeitig gibt der Bildschnitzer mit dem Motiv des von der rechten Hand gehaltenen Schaftes den Anklang an eine Fiedel.

Die Sense ist bereits in der antiken Mythologie das Attribut des Gottes Kronos, des Gottes der Zeit und damit der Vergänglichkeit. Die Sense wies auf die Jahreszeiten, die vergehen, sowie auf den Lebenszyklus hin. Zudem bildete die Darstellung des Todes als Sensenmann das Pendant zum Jüngsten Gericht: Der Tod erntet mit seiner Sense die Seelen, ungeachtet deren Alter, Geschlecht, Schicht oder Reichtum.

Das Motiv des Todes als Sensenmann prägte nicht nur die Kunst bis in Zeitalter der Aufklärung, sondern wird auch in der heutigen (Pop-)Kultur verwendet. Das Motiv findet beispielsweise Anwendung in Videospielen wie „Die Sims“ oder „Die Gilde“ wieder, in dem der Tod als Sensenmann durch die von der Pest verwüstete Stadt schwebt. Die finnische Metal-Band „Children of Bodom“ benutzt das Motiv des Sensenmanns seit Jahren als Markenzeichen. Auch in der Sprache hat sich das Motiv etabliert; die Sprüche „Jetzt ist Sense“ (Jetzt ist Schluss) und „Herein, wenn’s kein Schneider ist“ weisen beide auf den Tod als Sensenmann hin.

C. Dubuis