Vor 80 Jahren – Der Pogrom in Köln

Bild der 45. Woche - 5. November bis 11. November 2018

Zerstörte Synagoge in der Roonstraße, 1938 (Foto: RBA)

Zerstörte Synagoge in der Glockengasse, 1938 (Foto: RBA)

„Am Morgen nach dieser Nacht, der Nacht vom 9. und 10. November 1938 gingen meine Schwester und ich wie sonst zur Schule. Den ganzen Schulweg über folgten in Abständen solche zerstörten Häuser, und wir wunderten uns noch, dass es so viele Einbrüche gegeben haben soll. Uns fiel gar nicht auf, dass das alles jüdische Geschäfte waren, wir wussten gar nicht, dass es „jüdische“ Geschäfte gab, denn bis dahin hatten wir nie darüber nachgedacht. Als wir in der Schule eintrafen, sahen wir viele der anderen Kinder weinend kommen. Manche von ihnen hatten auf dem Weg zur Schule die Synagogen brennen gesehen und erzählten erschreckt davon. Dass die Synagogen in Köln brennen sollten, war für uns einfach unglaublich.“

Die Erinnerungen der zu diesem Zeitpunkt knapp 12 Jahre alten Schülerin Sara Ballin an ihren Schulweg am Vormittag nach dem Pogrom zeigen den Schock und die Fassungslosigkeit der jüdischen Bevölkerung in Köln über die Gewaltausschreitungen des Novemberpogroms. Trotz der fortschreitenden Ausgrenzung und Verfolgung in den vorangegangenen Jahren war ein derartiges Ausmaß an Zerstörungswut und physischen Übergriffen auf jüdische Einrichtungen wie Personen für die meisten bis dahin kaum vorstellbar gewesen.

Wie in allen deutschen Städten zogen auch in Köln in dieser Nacht marodierende Trupps der SA und SS, teils begleitet von Gruppen der Hitlerjugend, durch die Stadt und zerstörten systematisch die jüdischen Einrichtungen. Die drei großen Synagogen in der Innenstadt und ein prunkvoller Betsaal im Gebäude der „Rheinlandloge“ in der Cäcilienstraße 18/22 wurden dabei ebenso verwüstet und teils niedergebrannt wie die Synagogen in den Kölner Vororten Ehrenfeld, Mülheim und Deutz. Auch vor anderen jüdischen Einrichtungen, Geschäften jüdischer Besitzer und nicht einmal vor Privatwohnungen machte die Zerstörungswut halt. In nahezu allen Geschäften wurden die Fensterscheiben eingeschlagen, die Waren geplündert, Inneneinrichtungen zertrümmert und auf die Straße geworfen. Auch in Privathäusern und Wohnungen zerschlugen die Eindringlinge das Mobiliar und warfen es nach draußen. Bilder der Zerstörungen gibt es aus Köln mit Ausnahme der beiden Synagogen in der Glockengasse und in der Roonstraße jedoch nicht.

Zahlreiche Augenzeugen berichteten zudem von körperlichen Gewaltausschreitungen gegen jüdische Personen, die zusammengeschlagen, getreten und aus Fenstern geworfen wurden. Für den Ehrenfelder Frisör Moritz Spiro endete dies tödlich, als er versuchte, eine Gruppe junger Männer am Eindringen in seinen Laden zu hindern und dabei brutal niedergeschlagen und getreten wurde. Er starb wenige Tage später an seinen schweren Hirnverletzungen. Auch die psychischen Auswirkungen, die die Schrecken des Pogroms hatten, forderten Todesopfer. Nur wenige Tage später nahmen zwei Frauen sich mit einer Schlafmittelüberdosis das Leben.

Am darauffolgenden Tag, dem 11. November, wurden ca. 300 jüdische Männer unter 40 Jahren aus dem Regierungsbezirk Köln verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, wo sie teilweise mehrere Monate verblieben. Einer von ihnen starb noch während seiner Haft, ein anderer wenige Tage nach seiner Entlassung an einer Lungenentzündung, die er sich im Lager zugezogen hatte.

In der nationalsozialistischen Propaganda wurde der Pogrom als spontaner „Ausbruch des Volkszorns“ inszeniert. Tatsächlich handelte es sich jedoch um eine konzertierte Aktion auf Anweisung der Staatspolizei in Berlin, die maßgeblich in der Verantwortung der SA lag. Die meisten Bewohner sahen den Angriffen auf ihre jüdischen Mitbürger unbeteiligt zu oder versuchten gar, sich durch Plünderungen zu bereichern.

Diese Erfahrung machte auch Henry Gruen (Heinz Grünebaum), der als Sohn des Kantors der Ehrenfelder Synagoge in der Körnerstraße die Zerstörung der Synagoge und des angeschlossenen Wohnhauses seiner Familie miterleben musste. Zum Schutz schickten seine Eltern ihn zu Bekannten im Westen der Stadt. Als der Junge sein Fahrrad im Schlafanzug mit wenigen eilig gepackten Habseligkeiten die Körnerstraße entlangschob, teilte sich die schweigende Menge der Schaulustigen, ohne ein Wort des Trostes oder der Unterstützung.

Die Erinnerungen Henry Gruens an diese Nacht sind mit weiteren Zeitzeugenberichten in einer Gedenk-Installation zu sehen, die das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln anlässlich des 80. Jahrestages des Pogroms vom 7. November 2018 bis zum 6. Januar 2019 zeigt.

B. Klarzyk