Schönheit auf den zweiten Blick

Bild der 47. Woche - 19. November bis 25. November 2018

Karl Friedrich Lessing: Eifellandschaft, 1845. Öl auf Leinwand, 34 x 58,5 cm. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv-Nr. WRM 2388 (Foto: RBA, rba_c006771).

Die „Eifellandschaft“ – der Blick wird auf die steinige Seite gelenkt. Sie wirkt zuweilen etwas dunkel, von dem gelb-grünen Gras umgeben. Der herausragende gräuliche Felsbrocken zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Beinahe verwehrt er dem Betrachter die Sicht auf die dahinter liegende Landschaft. Ebenso der verdorrte Baum ohne Krone, der vom Schatten bedeckt wird. Die Wälder am linken Bildrand haben sich schon orangebraun verfärbt. Es scheint ein herbstlicher Tag gewesen zu sein, der das Raue, Mystische und beinahe Unheimliche der Eifel hervorhebt. Und dennoch strahlt das Gemälde eine gewisse Ruhe aus. Richtet man den Blick auf die Mitte des Bildes, sieht man einen Berg im Hintergrund, der fast farbgleich in den Himmel übergeht. Und so erkennt man sie: die Helligkeit und die Weite, die einen durchatmen lässt.

Das Bild stammt von Carl Friedrich Lessing, einem Großneffen Gotthold Ephraim Lessings. Der Maler und Mitbegründer der Düsseldorfer Malerschule ist vor allem für seine Historien- und Landschaftsgemälde bekannt. Anfänglich durch romantische Strömungen geprägt, zeichnen sich seine Arbeiten später durch eine Verarbeitung von Naturstudien aus. Lessing versuchte dabei die Landschaft in ihrer Ganzheit zu erfassen, malte teilweise aus dem Gedächtnis heraus und fügte mehrere Komponenten zu einem neuen Motiv zusammen. Seine Präzision lässt dabei oft genaue Schlüsse auf die gemalten Orte zu.

Das vorliegende Gemälde zeigt, wie genau sich Lessing mit dem Lichtspiel in der Natur auseinandersetzte und es zelebrierte. Der Kontrast zwischen dem dunklen, grasigen Vordergrund und der Helligkeit in der Bildmitte, von dem Hügel im Hintergrund und des Himmels. Er kalkuliert die Verhältnisse dabei so, dass der Himmel die Farben des Bodens widerspiegelt, das bräunliche Rosé des Berges aufgegriffen wird und sich in den Wolken verläuft – ein Versuch das schnell wechselnde Licht der Natur darzustellen; eine Kunst, in der er laut Zeitgenossen das Höchstmögliche erreicht hatte.

Es lohnt sich zudem ein Blick auf die Grau- und Grüntöne. Die Bäume, das Gras, das Moos und der Felsen – sie alle haben sehr unterschiedliche Einfärbungen und überschneiden sich doch. Sie enthalten alle Farbbestandteile, die sich dem Betrachter erst beim genaueren Hinsehen erschließen.

Carl Friedrich Lessing unternahm einige Reisen, wobei seine Liebe der deutschen Landschaft galt. Er soll einmal gesagt haben, dass er nicht begreife, warum die Leute so weit fort gingen, um Studien zu malen. Wenn er selber Zeit und Feld hätte, würde er zunächst Deutschland gründlich bereisen, wo es noch viele interessante und unerforschte Gegenden gebe. Besonders verliebte er sich in die Eifel, in die er ab dem Sommer 1827 bis zu seinem Tod 1880 mehrere Reisen unternahm. Er entdeckte gerne unbekannte Landschaften und zählte zu einem der ersten Künstler, die die Eifel als Motiv salonfähig machten.

Wie von Lessing wohl beabsichtigt, sollte man sich die Eifellandschaft länger und genauer ansehen. Der erste womöglich erdrückende und ernüchternde Eindruck wird erst beim zweiten, oder auch erst dritten Hinsehen aufgelöst. Vielleicht wollte er damit auch zeigen, dass sich dem Betrachter der Zauber der Natur, wie bei vielen Dingen im Leben, erst dann erschließt, wenn man intensiver hinsieht. Zu oft täuscht der erste Blick und die wahre Schönheit eines Ortes bleibt verborgen.

L. Zimmermann