Auf Spurensuche im Museum Schnütgen

Bild der 50. Woche - 10. Dezember bis 16. Dezember 2018

Röntgenaufnahme: Prophet aus dem Kölner Rathaus, Köln, um 1430/40, Köln, Museum Schnütgen, Leihgabe, Loan 2012-001a–h, Eiche, farbig gefasst, H. ca. 115 cm (Foto: RBA und Museum Schnütgen)

Weiße Linien erstrahlen vor tiefschwarzem Hintergrund, sie verzweigen und verdichten sich, bilden im unteren Teil des Bildes strudelnde Strukturen. Was auf den ersten Blick an ein abstraktes Gemälde erinnert, lässt sich bei näherem Hinsehen als das Porträt eines bärtigen Mannes erkennen. Ist das aktuelle „Bild der Woche“ ein modernes Kunstwerk? Nein! Es handelt sich um eine Röntgenaufnahme – sie zeigt den durchleuchteten Kopf einer mittelalterlichen Holzskulptur, die einen Propheten darstellt. In der Tat gehören naturwissenschaftliche Verfahren wie die Radiologie, die ihren gängigen Gebrauch in der Medizin findet, zu den Untersuchungsmethoden der kunsttechnologischen Forschung. Dieser Zweig untersucht die materielle Beschaffenheit der Kunstwerke und sorgt durch Konservierung und Restaurierung für ihre Erhaltung über die Jahrhunderte. Untersuchungsgeräte, die man im Chemielabor oder beim Arzt vorfindet, gehören auch zur Ausstattung einer Restaurierungswerkstatt. So wie ein Arzt nach der gebrochenen Stelle im Körper sucht, um zu einer erfolgreichen Diagnose zu gelangen, fahnden Restauratorinnen und Restauratoren nach Spuren am Werk, die nicht mit bloßem Auge zu erkennen sind. Diese versteckten Hinweise können zur Bestimmung der Datierung, der Funktion oder des ursprünglichen Aussehens eines alten Kunstwerks beitragen.

Die Röntgenaufnahme ist ein gutes Beispiel dafür, dass naturwissenschaftliche Methoden das bessere Verständnis eines Kunstwerks ermöglichen können. Der Kopf gehört einer der acht Prophetenfiguren, die um 1430/40 für die sog. Prophetenkammer im historischen Kölner Rathaus geschaffen wurden (siehe auch Bild der Woche 5/2012). Im Laufe der Jahrhunderte haben die Propheten ihren Standort und auch ihr Aussehen mehrmals geändert. Nun sind sie in der Sonderausstellung „Unter der Lupe“ (13.11.2018–30.06.2019) im Museum Schnütgen zu sehen. Die kleine Präsentation bietet die Gelegenheit, eine Dutzend Kunstwerke der Sammlung unter besonderen Gesichtspunkten kennenzulernen: Im Zentrum stehen aktuelle kunsttechnologische Untersuchungen. Die Ausstellung ermöglicht einen Blick unter die Oberfläche der Kunstwerke und präsentiert vielfältige Verfahren und spannende Ergebnisse. Eine anschauliche mediale Begleitung und die Kunstwerke selbst laden zum Entdecken ein.

Das Figurenensemble der Rathauspropheten wurde 2013–2014 einer kunsttechnologischen Untersuchung unterzogen, die anhand diverser Verfahren die Konstruktion der Skulpturen nachverfolgen und ihre chamäleonartigen Farbwechsel über die Jahrhunderte rekonstruieren konnte. Der mehrschichtige Farbauftrag, die sog. Fassung, wurde diverse Male überarbeitet. Das heutige Erscheinungsbild der Figuren lässt kaum noch erahnen, dass sie im 15. Jahrhundert glänzend weiße Mäntel trugen. Im Rahmen von Renovierungsmaßnahmen im Rathaus wurden auch die Holzskulpturen in ihrem Aussehen verändert. Es gibt sogar Anzeichen dafür, dass politische Ereignisse in der Stadt Einfluss auf die Überarbeitungen der Propheten hatten.

Bis Mitte 2019 können Besucherinnen und Besucher im Museum Schnütgen die Rathauspropheten und weitere Meisterwerke der Sammlung selbst „unter die Lupe“ nehmen und spannende Entdeckungen zu ihren Materialien und ihrer Geschichte machen.

I. Salto Santamaría